Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1902)
- Date
- 1902-01-13
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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ist, nicht der Wirklichkeit entspricht. (Starker Beifall.) Wohl ist der Typus der jüdischen Studenten ein tra* gischer, aber durchaus kein negativer. Er enthält sehr viel Positives. Man könnte wohl die Tragik des jü- . duschen Studenten, schildern, und mancher könnte sich den jüdischen Studenten zum Musterbild nehmen; was als negativ hervorgeht, beruht vielfach auf Zufall. Wir wollen nicht sagen, daß es nicht Vettelstudenten giebt, daß es aber eine typische Erscheinung ist, ist entschieden unrichtig. Der Typus des Bettelstudenten ist nicht spezifisch jüdisch. Es liegt hier eine Begriffsverwechslung vor. Genügsam, das ist der jüdische Student; dank seinem Wissensdrang begnügt er sich mit Wenigem und führt einen harten Kampf, um zum Ziele zu kommen, nicht als Glückssvieler, sondern als bewußter Kämpfer. (Großer Beifall.) Ich habe als Student und als jüdischer Student in dieser Hinsicht meine Pflicht erfüllt. (Beifall.) Rabbiner Rabbinowitsch aus Sopotzlin: Die Orthodoxen verstehen unter der Kultur etwas . Anderes, als die Kulturzionisten. Sie glauben, daß damit etwas gegen die Religion unternommen wird. Diese sagen, daß der Zionismus für üe bedeute, was bisher die Religion bedeutete. Aber die Religion kann nicht aufhören. Auch der Jude, welcher nicht Zionist ist, ist ein braver Jude. Die Religion und der Zionismus vereinigt alle. Wir betrachten den Zionismus als Mittel, um die Nation und die Religion zu stärken. Die Religion ist das letzte Wort der Civilisation. Jochanan ben Sakai war nicht der Vater des Antizionismus (bezieht sich auf die Aeußerungen Zangwills). Nur durch die Thora konnte damals die jüdische Kultur erhalten werden. Er war also der Vater des Zionismus. Die Religion ist die Wurzel des Volkes; wenn diese verdirbt, dann welken auch die Blüthen. Die Kulturfrage ist etwas zweifelhafter; sie erzeugt Streitigkeiten, darum lasten wir sie lieber bei Seite u. schreiten mit den Anträgen zur Tagesordnung. Rabbiner Reiner aus Vido: Die Kulturfrage hat uns Unglück gebracht. Wenn man sie aufrollen wollte, so muß man sofort auf alle Orthodoxen verzichten, und damit wird man gleichzeitig der Möglichkeit beraubt, die Summen zusammenzubringen, die dazu nöthig sind, die Befreiung der Juden zu verwirklichen. Ich bitte, die Kulturfrage auszuschließen. Der Beifall, der den beiden Rednern gezollt wurde, schien mehr von der Höflichkeit, als von der inneren Ueberzeugung gespendet zu sein. L i l ien: Kultur und Religion gleichen den beiden Freunden, die sich unerkannt prügelten, bis sie Schmerzenslaute von sich gaben und sich erkannten. Die Kultur, wie wir sie vorgeschlagen haben, verstößt absolut nicht gegen Religion. Ich begreife das Mißtrauen der Conservativen, denn die Kultur, die der Judenheit gepredigt wurde, bis der Zionismus auftrat, war eine unjüdische. Heute stehen die Sachen anders; wenn wir heute Kultur fordern, so fordern wir jüdische Kultur. Diese Kultur wird das Judenthum bereichern. Redner beantragt Annahme der Vorschläge ohne weitere Debatte. Klausner: Auch die.Orthodoxen, die nach dem Kongreß kommen, müssen national gesinnt sein. Wenn sie es nicht sind, dann sollen sie auch nicht nach Basel kommen. Kommen sie hierher, dann können sie auch nicht gegen nationale Erziehung sein. Wenn der Nationalgeist mit der Religion in Conflikt kommt, dann sind wir für den N a t i o n a l g e i st; denn ohne Nationalgeist , giebt es keinen Zionismus. Dr. Jasinowski: Für die Regeneration wirken drei Faktoren: Die Liebe zum jüdischen Volke, nationaljüdische Erziehung und allgemeine Bildung. In diesen drei Richtungen soll gearbeitet werden. D r. Herz! wies auf die Erklärungen hin, die er schon im ersten Zionistenkongreß gegeben habe. Der Zionismus beabsichtige nichts, was die religiöse Ueberzeugung irgend einer Richtung des Judenthums verletzen könnte, und das Aktionskomitee habe auch nie. gegen diese Regel verstoßen. Andererseits könne man aber auch dem Aktionskomitee unmöglich zumuthen. daß es gegen die Kultur sei, die zionistische Bewegung vereinigt nicht nur Leute aus verschiedenen Welttheilen, sondern auch. von verschiedenen Weltanschauungen. (Beifall.) Bei den Schwierigkeiten aus. inneren Gründen, die sich der Lösung dieses „Kulturkampfes" entgegenstellten, gesellte sich noch eine reine formale Verwicklung. Als der Vorsitzende nämlich in Anbetracht der vorgerückten Zeit der Wahl des Aktionskomitees und der anderen Ausschüsse die Priorität der Kulturdebatte und der Abstimmung über die betr. Anträge einräumen wollte, erhob sich dagegen lauter Widerspruch aus dem Lager der „Kulturellen", indem diese sich auf ein vom Präsidium gegebenes Versprechen stützten. Dr. Herzl gab die Entscheidung dem Kongresse anheim, der sich für den Vorrang der.Einsetzung der für das Leben der Bewegung so wichtigen Organe entschied. Dieser Beschluß scheint von Buber und seinen Getreuen in seiner Tragweite mißverstanden worden zu sein, indem sie darin die endgültige Ablehnung der von ihnen provonirten Anträge erblicken zu müssen glaubten. 33 Delegirte verließen in ostentativer Weise den Saal und warteten oben aus der Gallerie den weiteren Verlauf der Dinge ab. Der Präsident schritt ohne weitere Bemerkung über diesen Zwischenfall hinweg zur Tagesordnung und es wurden nun in aller Ruhe die Wahlen ' in die Sharekommissicn, Legitimationskommission, Agitationskommission. in das große und engere Aktionskomitee, in das Kongreßgericht, die Nationalfonds- und Kolonisationskommiffion, sowie die des Kongreßanwaltes und^es Revisoren getroffen. BertholdTeiwel verliest in seinem Namen und in dem von 37 Delegirten einen scharfen Protest gegen die Geschäftsführung des Präsidiums, und erklärt seine und Herrn Dr. Weitzmann's Demission als Mitglieder des Bureaus. (schluv in der erste»! Beilage.) Verantwortliche Nedaction> Oscar Lehmann in Manrz.— Expedition des „Israelit". ischottstrane Är. i Mainz» Druck und Verlag der Iah. Wirlh'schen Hofbuchdruckerei Actien-Geseüschast in Mainz.