Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1902)
- Date
- 1902-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449800--55125-2517737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
4S. Jahrgang. Jfä 4. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodore Zudenthum. Begründet von Dr. ^man« in tttatttf. Montag, den 13. Januar 5662 (lS02). Leitender Artikel. Kölner Lhronik. Das Rundschreiben deS „Liberalen-Berein" und die Orgel. (Nachdruck verboten.) II. Köln, im Januar. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" hat jüngst an seine Gesinnungsgenoyen in der Orgelangelegenheit ein Rundschreiben versandt und diesem ein Verzeichniß seiner Mitglieder beigefügt. Letzteres weist 311 Namen auf, die in der Geschäftswelt meist bekannter sind, als in der Synagoge. Unter 2400—2300 steuerzahlenden Mitgliedern der Gemeinde will ein Verein mit nur etwas über 300 Mitgliedern nicht viel bedeuten, namentlich, wenn von diesen rund 300 Mitgliedern noch nicht 5 pCt. zu den regelmäßigen Synagogen - Besuchern zählen, ja selbst die „liberalen Führer" die Synagoge am ersten Rosch-Haschonoh-Tage und am Jom Kippur auf ein bis zwei Stündchen mit ihrem Besuche beehren, um mit den „alten Juden" und deren Ghetto-Ansichten ein wenig — CHasan und Chor, oder des Herrn Rabbiners erbauliche Predigt zu hören. „Hebräisch," die „tobte Sprache," verstehen die hochgebildeten, modernen, liberalen Juden ja nicht mehr, wie sie selbst so oft und so gerne hervorheben, und befinden sie sich darin auch mit der in seinem „Gutachten" geäußerten Ansicht des Herrn Rabbiners Dr. Frank in Monster Uebereinstimmung. Ueberhaupt kam jenes Aufsehen erregende „Gutachten" den Herren Liberalen sehr gelegen; sie haben es zu ihrem Programm erhoben und der Herr Rabbiner, der früher so stolz war auf seinen Mittel- % weg, die goldene ..Mittelstraße", hat jetzt die Genugthuung, seine Ideen fast wörtlich das liberale Rundschreiben zieren zu sehen. Diese Ideen sind sattsam bekannt; sie besitzen nicht einmal den Reiz des Neuen, da sie in den Programmen der „Neuerer", oder besser gesagt, der „Zerstörer des jüdischen Gottesdienstes" seit mehr als 30 Jahren immer wiederkehren. Die Ideen sind also stark verbraucht und eins fehlt ihnen ganz besonders: Die Logik! Mit der Logik ist es für die Liberalen und ihre Führer eine gar schlimme Sache. So fängt das Rundschreiben z. B. gleich vielverheißend an: „Unsere Synagogengemeinde steht am Wendepunkt, den Charakter einer Großgemeinde anzulegen. Unsere Gemeinde.. die fast 10 000 Seelen . zählt, kann unmöglich durch den alten Kultus allen Ge- ' meindemitgliedern volle religiöse Befriedigung gewähren. Man mag darüber klagen und es bedauern, daß „man"/die hebräischen Gebete nicht mehr versteht , und der Synagogenbesucher einer äußeren Anregung bedarf. Eine vernünftige, ihre Zeit verstehende und die unabweisbaren Bedürfnisse der Zeit erkennende Verwaltung muß unbedingt die dem kulturellen und synagogalen Leben fernstehenden Gemeindemitglieder heranziehen, damit sie si^ nicht ganz dem Judenthume entfremden, oder es schließlich verlassen." Also die Logik von, der Sache: Weil unsere Gemeinde eine G r o ß g e m e i n d e geworden ist, soll sie christliche Einrichtungen ihrem altehrwiirdigen Gottesdienste einverleiben, den jüdischen Charakter aus dem neuen, -herrlichen Gottcshause verbannen! Die hebräischen Gebete, die Sprache unserer heiligen Thora, versteht „man" nicht mehr, also hat solche eine „die Bedürfnisse der Zeit erkennende Verwaltung" ganz einfach durch die Klänge der christlichen Orgel zu ersetzen! Wozu aber hätte dann die Gemeinde überhaupt noch einen oder gar zwei Rabbiner nöthig, die sich doch so gerne „Lehrer in Israel" nennen, wenn eine so „einsichtige" Verwaltung nicht weiter vom Rabbiner verlangt. daß er die Gemeinde, die Jugend und die Erwachsenen. in der heiligen Sprache unserer Thora und unserer Gebete unterrichte! Glauben die Herren Liberalen etwa, die Thätigkeit des Herrn Rabbiners erschöpfe sich allein im Predigen? Steht dessen Lehr-