Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1902)
- Date
- 1902-01-09
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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„Tu bist trank," sagte er mitleidig, „gestatte, dass! ich den Arzt zu Dir kommen lasse —" | „Nein, nein, bitte nein! — Ich bin nicht trank —"-! „Doch. Geliebte, doch. Du bist krank. Du hast Dir j in diesen Tagen zu viel zugemuthet. Du musst den Arzt \ zu Nathe ziehen, sonst wärst Du schwerlich im Stande, t dem geliebten Todten die letzte Ehre zu erweisend l „Wann?" fragte sie leise, f „Uebermorgen." » Es war am darauffolgenden Tage. Frau Müller hatte soeben in ' Abwesenheit ihres Sohnes die eingelaufenen Postsendungen entgegengenommen, als ihr ein grösseres an ste gerichtetes Schreiben in's Auge fiel, Sie öffnete das Kouvert. Es enthielt einen sog. Partezettel mit der Todesanzeige des Herrn von Nauhenstein, und unter derselben, in matten, kaum leserlichen Schriftzugen die Worte: „Beten Sie für Ihre unglückliche Isabella." Das Herz der mitleidigen Frau zog sich zusammen. „Armes, armes Kind!" flüsterte sie. Sie griff sofort nach einein Briefbogen und sprach der Leidtragenden in einigen tiefempfundenen Worten ihr aufrichtiges Beileid aus. Sie war noch mit Schreiben beschäftigt, als ihr Sohn mit freundlichem. Gruft in das Zimmer trat. „Guten Tag. liebe Mutter! An wen . schreibst Du denn da so eifrig? Ist die Post schon gekommen?" „Dort auf der Konsole findest Du die Briefe. Und, denke Dir nur, der arme Herr von Nauhenstein ist gestorben." „Das war vorauszusehen," entgegnete er achselznekend. „Fräulein von Nauhenstein ist doch am Donnerstag Morgen 'nittelst Extrazug zu ihm gereist." „Aber hättest Dü es vorausgeschen, dass, der Verlust ihres Onkels sie so über alle Massen schwer treffen würde?" „Der Oberst war ihr nächster Verwandter. — Uebriqens. woher weißt Du. daß ihr der Verlust so nahe geht?"' Sie reichte ihm den Partezettel und deutete auf die' mit Bleistift hinzugefügten Worte. „Was sagst Du dazu. Leo?" Tiefe Blässe überzog sein männliches. schönes Angesicht. Er neigte das Haupt und ging mehrere Minuten schweigend im Zimmer auf und nieder. „Was sagst Du dazu, Leo?" wiederholte seine Mutter. ' Er blieb vor ihr stehen, athmete tief auf, während seine Finger mit einer gewissen nervösen. Beweglichkeit den Partezetiel zerknitterten. „Sie ist unglücklich, armes Mädchen! Wer sie trösten könnte!" — „Ich habe ihr soeben in einigen Worten unser Beileid ausgesprochen." Frau Müller deutete aus den vor ihr liegenden, zur Hälfte vollgeschriebenen Briefbogen. Der Doktor neigte sich darüber und las. Dann aber schüttelte er abwehrend den Kopf. ^.Das ist es nicht," sagte er. „glaube mir, das ist es nicht." ' ^Was meinst Du? Was ist eS nicht?" „Nicht der Tod ihres Onkels allein ist es. der sie so - unglücklich macht, denn es spricht ein tiefes, unsägliches Leid aus den wenigen Worten, die sie unter den Zettel geschrieben. Das Fräulein ist keine Phrasenheldin, sie will nicht prunken mit ihrem Schmerz —" „Es ist mir ja auch auffallend." „Ich bin überzeugt, der Tod ihres Onkels ist es nicht allein. Noch ein anderes, ungleich schwereres Unglück muß sie getroffen haben, sonst nennt sie sich nicht unglücklich." „Glaubst Du? Aber was könnte sie sonst noch getroffen haben?" „Und das erräthst Du nicht? Sie hat Dir doch wiederholt erzählt, daß es ihres Onkels sehnlichster Wunsch geivesen ist, sie mit seinem Sohne zu verheirathen. Mit jenem Menschen, der seinem Charakter nach nicht werth ist, den Staub zu berühren, auf dem ihr Fuft gewandelt—" „Nun und?" — — „Nun, der Onkel wird diesen Wunsch nochmals geäußert haben und das hochherziae Mädchen war nicht im Stande, dem Sterbenden die letzte Bitte zu versagen." „Herr des Himmels! Du kannst recht haben." „Ich habe Nccht!" wiederholte er lauter, während er die Hände zusammenballtc und aufgeregt im Zimmer auf und ab. lief. Betroffen blickte seine Mutter zu ihm empor, so batte sie ihn noch nie gesehen. „Leo! ich bitte Dick. — beruhige Dich doch!" „Ich. soll mich beruhigen? — Jeder, der sie kennt, muss blutige Thronen weinen — dieses reine, edle, hochherzige Mädchen und dieser Elende, dieser — —'" .Leo-!" .. . Sie ward unterbrochen; am Telephon läutete es. der Arzt wurde zu einem todtkranken Patienten gerufen. Hastig griff er nach seinem Hut und rannte davon. — ------- — — —- — Die Trauerfeierlichkeit lvar vorüber. Die sterbliche Hülle des wackeren, alten Mannes, der so plötzlich seiner Familie entrissen worden, hatte in der Familiengruft ihre letzte, irdische Ruhestätte gefunden. In düstere Trauerkleider gehüllt, auf den Arm ihres Vetters gestützt, hatte Isabella der Ceremonie beigcwohnt. Sie hatte sich anfangs geweigert, die Hand auf seinen Arm zu legen. — aber ihr Schritt war unsicher. schwankend gewesen, sie hatte seine Stütze nicht zurückweisen können. Jetzt fass sie in ihrem Zimmer und überwachte das Ordnen ihrer Effekten in den Koffern, als ihr Vetter sie wiederum um eine Unterredung bitten lieft. Sie neigte zustimmend das Haupt und bedeutete dem Mädchen, das mit dem Einpacken beschäftigt war, das Zimmer zu j verlassen, denn so peinlich ihr die bevorstehende Unteri redung auch war. so beabsichtigte sie, in derselben doch : einige Einzelheiten zur Sprache zu bringen, die sie nicht i unerörtert lassen zu dürfen glaubte. (Forts, folgt.)