Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1902)
- Date
- 1902-01-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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39 rafft und Beschlußfassung über die ostpreußischcn Anträge. riefen eine lange, intereffante Debatte hervor, an der sich die Herren Jakobsohn-Leipzig. Steinhardt Magdebur. Perrtz Königsberg. FeinerHamburg und Dr. Dingel-Berlin betheiligten. Sodann wurde zur Neuwahl derkertandsvorftandcs geschritten und zunächst Herr Direktor Dr. Adler-Frankfurt a. M. in Anbetracht seiner großen Verdienste um den Verband einstimmig zum Ehren Vorsitzenden ernannt. In den Verbandsvorstand wurden als dann die Herren Dr. Dingel-Berlin zum ersten Vorsitzenden. Steinhardt-Magdeburg zum stellvertretendcn Vorsitzenden. Feiner-Hämburg zum Schatz meistcr und Graf-Essen, Amram-Borken zu Schriftführern gewählt. Zu Beisitzern wurden ernannt die v>erren Prof. D. Badt-Breslan. Herbst-Liffa. Direktor Trieien-Karlsruhc und Blumenfeld-Adelebsen bestimmt. außerdem gehört Herr Pros. Dr. Blasckle- Berlin als Vertreter des Deutsch-Israelitischen GenicindcbundcS dem Vcrbandsvorstand an. Ter nächste Berbandstäg soll im Jahre 1004 in Frankfurt a. M. stattfinden.. Ä Miivlib zu Fmkliilt m» Mck. (Fortsetzung.) Frankfurt a. M.. 5. Januar. So oft vernehmen wir die Klage: Warum lernt die Jugend so wenig? Die Antworten fallen verschieden aus. je nach der individuellen Findigkeit desjenigen. der sie giebt. Zuweilen versucht man cs noch, die Frage aus psychologischem Wege zu lösen. Die Intelligenz der Jugend habe in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen. Ihrem modernen Empfinden entsprächen die Theorien des Talmuds nicht mehr. In anderen Kreisen versenken sich die jugendlichen Geister in die Lesung moderner Probleme, ließen künstlerische, wissenschaftliche. politische Fragen nicht unberücksichtigt und wo alles liebe, könne Karl allein nicht Haffen. Und in der Thal. Was an jüdischer Intelligenz und Geisteskraft den Böllern allen gespendet wird, in deren Milte wir leben, kann man an der ganz unverhäitnißmäßig großen Theilnahme der -Juden an dem geistigen -Schassen der europäischen Nationen erkennen, an dem Einfluß, den' sie. trotz ihrer im Verhältnis; zu der erdrückenden Menge der anderen Bevölkerung-Haffen geringen Kooszahl durch Presse und Vereinswesen auf die öffentliche Meinung ausüben. Es ist gewiß unsinnig. von verjudeten Staaten zu reden; selbst dann wäre es antisemitisch: Verdrehung der Thatsachen. wenn eine überwiegende Anzahl Juden wirklich am Staatsruder ständen, was ja bekanntlich nicht der Fall in. Denn selbst angenommen, sie verwalteten den Staat nach eigenen und nicht nach den allgemein als das Heil des Volkes bedingend anerkannten Grundsätzen. so U'ürden sie ja nicht in ihrer Eigenschaft als Juden den Haß der Nation verdienen — es hat auch thatsäcklich im vergangenen Jahrhundert, keinen jüdischen Staatsmann gegeben, der sein Judenthum durch die Erfüllung der religionsgesctzlichen Pflichten bethätigt hätte — sondern nur als Politiker, die sich den Ansprüchen des Volkes nicht fügen wollen und nicht als im Interesse ihrer Eonfeffion. der sie lediglich durch den Zufall der Geburt angehören, eigennützig handelnde Jude n. Allein, daß man es erst kürzlich für nöthig gefunden, auf die Unmöglichkeit der Befriedigung aller jüdischen Ansprüche aus die wichtigsten Stellen im Justizdienst mit Rücksicht auf das Jntereffe der christlichen Bevölkerung bedauernd hinzuweisen, zeigt deutlich, daß die Fülle der jüdischen Intelligenz, die sich früher so glänzend aus dem Boden des jüdischen" Gesetzesheiligthums bethätigte. in den ausschließlichen Dienst einer uns fremden Weltanschauung, nichtjiidischer Prinzipien und Bestrebungen getreten ist. Das große Heer jüdischer Parlamentarier. Künstler. Schriftsteller. Journalisten rc. und wie die Berussarten alle heißen mögen, in ivelchen die Enkel durch hervorragende Leistungen, die das Staunen der Welt erregen, durch Fleiß. Beharrlichkeit. Scharfsinn. Geist, Witz. Gemüthstiefe die talmudischc Beschäftigung und Gcisteseigenthümlichkeit ihrer Ahnen verraten — was Hai der Reichrhum an Geisteskraft, der in den Kopsen dieser jüdischen Genies als väterliches Erbtheil aufge» speichert liegt, mit dem gesetzestrenen Judenthum zu thun? Müssen wir uns doch zufrieden geben, wenn ein Schriftsteller sein Judenthum darin bethätigt. daß er neben „Schwarzwäldcr Dorfgeschichten" eine Biographie Spinoza'« schreibt und seine Werke übersetzt - - ein Abgeordneter bei Angriffen auf Juden und Judcnthum sich betroffen fühlt u. für die unveräußerlichen Menschenrechte seiner Glaubensgenossen in die Schranken tritt - ein Dichter sein jüdisches Empfinden in ..hebräischen Melodien" in die Welt hinausklingen läßt. — Aber überlegt'« euch doch nur einmal: Sind wir denn den Völkern für einen bloßen Akt der Humanität, wie er in der Emanzipation der Inden nach den blutigsten Kämpfen in's Leben trat, so zu Dank verpflichtet. daß wir über den Dank, den wir ihnen allenfalls schulden, an all die Faktoren vergessen müßten, die cs uns allein ermöglichen — mit der ganzen Fülle der von den Vätern ererbten Intelligenz zu denken? Wer legrer ft nicht den Schmerz einer Mutter, die es erleben muß. wie ihr Kind dem Geiste ihrer Erziehung sich entfremdet, in Sünde und Laster versinkt! Mit Schmerzen hat ste's geboren, hat es gehegt und gepflegt. Nachte an seiner Wiege durchwacht — und nun — Aber versuchet doch einmal die Gegenprobe! Vielleicht ist es doch nicht so. Vielleicht habt Ihr Rechr. Vielleicht irren wir uns. wenn wir meinen, nur das Studium des Talmuds habe dem jüdischen Geiste jene eigenthümliche Färbung verliehen, die die Seele so seltsam berührt und in Liedern jüdischer Dichter, in Ge-