Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43. Jahrgang. Grste Aeikage zu M1 des „Israelit."?it j um i » (Fortsetzung.) Frankfurt a. M.. 1. Januar. Täuschen wir uns nickt selbst. Es ist in den letzten Jahrzehnten vieles anders geworden in unserem kreise. Gewiss: wir haben auch vieles aus den Trümmern der alten Zeit in die neue hinüber gerettet. Darauf dürfen wir aber nickt gar so stolz sein. Wenn man nicht leichtsinnig ist. so verdient man deßhalb noch lange nicht die Lobsprüche. mit ivclcken wir uns selbst zu bcräuchern pflegen, wenn ein Vergleich mit den abgefallenen Brüdern uns in unseren eigenen Augen in den Himmel hebt. Der einleuchtenden Wahrheit des Gedankens: was denn plötzlich in der Freiheit eingetreten fei. das uns berechtigte, die jüdischen Gesetze einfach zu ignoriren. und ob die Schwierigkeiten, die sich uns bei der Beobachtung des jüdischen Rituals in Folge der engen Berührung mit der nichtjüdischen Gesellschaft cntgegenstcllcn. wirtlich .ein genügend einleuchtender Grund seien, das ganze Ritual über Bord zu werfen, und ob diese Schwierigkeiten die Pflichten selbst uns nickt gerade erst recht theuer. de» höchsten Preise» würdig machen und so ihre gewissenhafte, vor keinem Opfer zu rück scheuende Erfüllung zu einer sittlich grossen. be- U'underungswürdigen That gestalten müssten— der einleuchtenden Wahrheit dieses Gedankens konnte sich gar mancher nickt vcrsckliesien. der gewohnt war. zu urtheilen. ehe er verwarf. Diesem Gedanken ist cs auch zuzusckreibeu. wenn lue und da in deutschen Landen der praktischen Verwirklichung der Thora Stätten eröffnet worden sind, die in ihrem Streben nach Vollkommenheit die bewundernde Anerkennung aller redlich Denkenden in vollem Masse verdienen. Aber hat man auch überall dafür gesorgt, das; diese Stätten sich für ewige Zeiten cel,allen werden. dass der Quick, der die jüdischen Gemeinden als einzig alleiniger Quell des Segens mit immer sich erneuerndem, frischpulsirendem Leben versorgen kann, auch niemals versiege und die Fugend herangcführt werde an die Quelle des jüdischen Schritt-- tbums. um von hier aus die Wanderung durch's Leben anzutrcten? «Wo sind die Stätten in Deutschland. wo n o ck gelernt loird in alter Weise wie in alter Zeit?" Ist der Talmud nock heimisch in den jüdischen Häusern und Herzen, oder must er wandern von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus — ruhe- und stättelos — und begegnet er nickt überall freutden Gesichtern, die ihn nicht kennen oder ängstlich fliehen, wie einen alten, verarmten Berroandten. gegen den man Verpflichtungen bat — kommt er auf seiner Wanderung nicht zuweilen durch Gegenden, tvo er einst heimisch gewesen und findet sie leer und öd — die alten Lamdonim deckt schon lange das Grab und an Stelle des Eheders erhebt'sich stolz und weithin sichtbar da» nach den Anforderungen der modernen Hygiene eingerichtete Schulhaus, und drinnen sitzt auf der Höhe des Katheders der Staatlichgeprüfte. dozirt den aushorchenden Kindern die fünf Bücher Mosis. erzählt ihnen wobl auch, wenn er sich einen gelehrten Anstrich geben will, dass auf diesen Pentateuch vor langer, langer Zeit ein gelehrter Kommentar geschrieben wurde., der. den Namen Talmud führe und ungefähr dasselbe Format habe wie ein Hauptbuch. «Wo sind die Stätten in Deutschland, wo noch gelehrt und gelernt wird in alter Weise wie in alter Zeit?" Wird noch gelernt, dass. wenn die Heroen der talmudischen Litteratur heute aus ihren Gräbern aufcrstünden, wir uns vor ihnen nicht zu schämen brauchten und sic uns freudig als ihre Schüler begrüssen könnten, die sich mit derselben herzinnigen Liebe und Begeisterung in ihre Schriften versenken, wie sie einst die Hörer ihres mündlichen Wortes beseelt? Geniesten die Weisen des Talmuds noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht, wie einst in den Tagen unserer geistigen Blüthe. oder werden ihre Worte, die b e h e r z i g t sein wollen, ausschliestlich zur Bereicherung orientalischer Sprachkenntnist benutzt und — entwürdigt? Betrachten es unsere Rabbinen noch als ihre c r st c und vornehmste Auf - gäbe, zu lernen und zu lehren, und schätzen sie sich glücklich, wenn es ihnen gelungen ist. auch nur ein Kind in das tiefere Verständnist des Talmud eingeführt zu haben, oder verschanzen sic sich, ivenn die empörendste" Unwissenheit der ihnen anvertrauten Jugend dringend die schleunigste Abhülfe fordert, hinter ihre Berufspslichten. Predigten. Amtsreisen u. s. w.. oder verstecken ne sich im besten Falle hinter die verwitterten Leichenstcine der alten Friedhöfe, wo sie. sich Gcburts- und Sterbetag der jüdischen Grossen notiren. um später, wenn der Winter kommt, in Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur einem vollzählig erschienenen Publikum von Herren — Pardon — Damen und .Zerren miizuihcucn. wann und ws jene Grossen gelernt und gelehrt, klüglich verschweigend, was und wie sie gelernt und gelehrt.-- — - Q. dass auf diese Frage eine uns beglückende Antwort gegeben werden könnte, dass wir nicht auf die erschreckend grosse Gleichgültigkeit Hinweisen mühten, die das «Lernen" in so vielen, vielen Kreisen findet. Denn noch einmal — täuschen wir uns nicht selbst. Es ist das der verhängnistvollste Fehler, den wir uns bei der Beurtheilung der gegenwärtigen Zustände zu Schulden kommen lassen könnten: die S e l b st t a u s ch u n g — der Selb st be t r u g. Wer den im Laufe der Zeit etwas elastisch gewordenen Begriff «Lernen" auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückzuführew versteht, kann auf jene Fragen nur eine Antwort haben: