Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fein Lohn zwar geschäftlich kluger, was aber allgemeine Bildung anbelange, dümmer geworden sei. Doch lange sollte er sich hierüber nicht ^schweren. Las Joseph anpackte. das vollendete er auch ganz, und manche Nacht saß er über die Klaffiter gebeugt, am in kurzer Zeit sich das anzueignen, wozu sein Vorgänger Jahrzehnte brauchte. Lo verging über ein Jahr. Joseph hatte seine ganze Lebensweise nack den Bcdnrfninen seiner neuen Hcimath eingerichtet und galt allenthalben als der wirkliche Lohn des Hauses. Dabei kam es ihm auch sehr zu Ltatten. daß die Töchter de- Hauses bald nach seinem (Eintritt in dasselbe in höhere Töchterinstitute in die Lchwciz geschickt wurden und die Gouvernante, die immer noch steif und fest behauptete, es sei nickt der richtige Joseph.. in Holge dessen ihren Posten auf geben mußte. Nur in einer Lache brauchte er sich keinen Zwang aufznerlegen. und das war in Bezug auf die Religion. Als echter Lozialdcmokrat war Jo seph ehedem Atheist und besuchte in Holge dessen niemals eine Kirche: aber auch im Hause des Kommerzienrathes hatte ihn seither nichts daran erinnert, daß er sich in einem jüdischen Hause befände. Doch das sollte mit einem Male anders werden. Das alte jüdische Jahr ging seinem Ende entgegen und plötzlich erinnerte man sich in der Hamilic Meyer, das; man jener Nation angehörte, die der Welt das große Licht gebracht, die anscrwählt ist von allen Völkern. geliebt und erhoben vom Herrn der Welt. Im Vorjahre befand sich Joseph gerade während Rosch ha Lchonl-h und Ianm Äiippiir ans einer Geschäflstonr und als er znrücltam. frug ihn Niemand, wo und wie er die Heiertage zugebracht; aber in diesem Jahre war er zu Hause und mit Ltaunen hörte er allerhand Ausdrücke, die ihm seitlier vollkommen fremd waren. Zwischen Iosph und seinem Vater hatte eine ernstliche Lzene staltgenmden. Kommerzienrath Meuer hatte beschlossen, die hohen Heiertage noch ans dem Lande zu bleiben und er bat dcßhalb seinen Lohn, wie er es vor zwei Jahren so schön gethan. auch diesmal wieder die-wichtigsten Gebet stücke aus dem Mackfor den Hamilienmitglicdern in der Ursprache, vorzmesen. Io/ scph erklärte, er könne das. nicht und darüber ward sein oraler ans Vas Höchste emvöri. ..Was heißt das." schrie er. „Du kannst das nickt! Du willst mir doch nickt etwa toeif: macken, daß Du nickt mehr hebräisch lesen kannst, nachdem Du uns Jahre hindurch an jedem Neujahrs- und Versöhnungs feste das Machsor vorgelesen? Lage lieber: Du willst es nicht, oder noch deutlicher gesagt. Tu willst auch den letzten Rest des Iudentkmms von Dir abstrcifcn und gehst am Ende gar heimlich mit dem Gedanken um. Dich taufen zu lassen? Ich aber sage Dir. so lange noch ein Hunte Leben in mir ist. wirst Du das nicht ausfnbren. Ich habe.es meinem Vater und meiner Mutier auf dem Sterbebette versprochen, daß ick das Indent hum nie mals verlassen und auch nicht zugeben werde, daß meine Kinder es verlassen. Ich fordere Dich deßhalb wiederholt auf. lese uns das Machsor wie früher, an den Heiertagen vor. oder wird sind geschiedene Leute." Joseph stand vor einem Räthsel. Er konnte sich das Benehmen des alten Mannes nicht erklären. Dieser Mann. der während des ganzen Jahres keinen Gottesdienst besuchte.. der es ängstlich vermied, den Namen Gottes anznrufen. auf dessen Tafel allwöchentlich ein Schweinebraten erschien, dieser selbe Mann entpuppte sich plötzlich für drei Tage als ein fanatischer Jude. Ein derartiges Doppelwcsen war ihm in seinen Kreisen früher nie begegnet. Die Leute, die er kennen gelernt, mochten sie welch' christlicher Konfession immer angeboren, waren entweder gläubig, dann gingen sie regelmäßig und sehr oft in die Kirche, und beobachteten auch alle Zeremonien, oder sie waren ungläubig, dann wurden sie auch nie für kurze Zeit Zeloten. Joseph war gewohnt, jede Handlung auf ihre psvchölogischcn Motive hin zu prüfen; hier fand er sie nickt. Ruhig Neß er den Alten austoben. Dann erwiderte er ihm: „Trotz aller Deiner Bitten und Drohungen muß ick für dieses Jahr bitten, mich von der Vorlesung der Gebete zu dispensiren. Dagegen versprechen ick Dir zweierlei. Zunächst, daß ich nie und nimmer oon dem Indenthum, abtrünnig werde und dann, daß ich mich bei einem gelehrten Rabbiner über das Wesen des Iu denthnms inforwircn werde. Heute kenne ich das In- . denthum nicht und in Deinem Hause hätte ich keine Gelegenheit. es kennen zu lernen. Aber wenn es mir zusagt. dann sage ich Dir heute schon, daß ich ein besserer Jude werde, wie Tu jemals einer gewesen." Kommerzienrath Meyer machte einige Einwendungen. Er begreife nickt, wieso er das Iudenthuin nicht kennen, wolle, er habe doch so lange Privatstnnden bei dem Reformrabbiner gehabt; schließlich aber beruhigte er sich bei diesen Versprechungen und verschrieb sich von der Berliner Hochschule einen jungen Kandidaten. der ihm für l^'O Mark und die Reisespesen den ganzen Gottesdienst ..erledigte." (Hortsetrung folgt.) Wochenchronik. Südba» Schemas. Samstag. 2». Tewel. An bnfent Tage 5591 (2. Januar 18.U) wurde Tr. M. Lehmann, Begründer der „‘jGraelit", Verfasser vieler wissenschaftlicher und belletristische'' Werke jüdischen Inhaltes, in Verden a. d Aller geboren. — An die'em Tage 5430 17. Januar 1670» wurde an Raph'el Levu in Akev ein Justizmord begangen- — Dr. Marku» Herz. Hofrarb n. Professor in Berlin, Mitarbeiter deö gcsr. SÄ Tewet 5563 (19. Januar 1803.1 Mrfchulam weibisch Stein. RabbinatSaffessor in Krakau, gest. 25. Telret 55‘*7 (2. Januar 1837.) Sonntag» 2«». Tewet- Dr. Jakob Marr aus Bonn, Arzt und SchrislsteUer. gest. 2«:. Tewet 5549 (24. Januar 1789.) Tetus«. Montag» 27. Tewer. Iosua Hcschel. Rabbiner in Schwadach, Lerf. von 7U27 'ZS »>"'» n. a , gest. 27. Tewet