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Der Israelit · 1887-12-22 · Heft 99 (22.12.1887) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 99 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XSTHL Jahrgang. Zweite Beilage zu Nr. 99 öes Israelit. Zeitvugsnachrichteu und Korrespondenzen. Deutschland. Ermetzhosen, 1-1. Dc^ Heute wurde dahier der Rcligionslctzrcr Herr Sanison bohn zu Grabe getragen. In welcher Achtung der Verlebte, der ein Alter von 66 Jahren 7 Monaten erreichte und S6 Jahre dahier als Lehrer gewirkt hatte, stand, bezeugte die große Theilnahme bei der heutigen Beerdigung. Es hatten sich hiezu die politische Gcurcindcvcrwallung mit Geistlichen und Lehrer, sowie auch die christl. Lcbrcr ans der Rähe, Freunde aus Rothenburg und Wenhcim und die hiesige iSracl. Gcmcindcmügliedcr, die fämunlich Schüler dcS Verstorbenen, cingcsundcn. Au- Grabe sprachen der Schwiegersohn des Dahingcschicdencn, Herr Lehrer Jsrael-Großgcrau, der den Lebenslauf urrd die Verdienste des Bcrflorbcnc» hervorhob, Herr Lehrer Hubert von hier, der ihm einen letzten Scheidegruß im Ramcn urrd Auftrag der isracl. Gemeinde widmete, Herr Lehrer Ltrauß-Ilneubeim, der im Name» der anwesenden Eollegen dem Dahingeschiedenen ein leeres Lebewohl zuricf. Herr Distrikts-Rabbiner Grünbanm-Ansbach, ein Freund des Verstorbenen, der auf Wunsch des Lerstorbcncn zur Beerdigung berufen wurde, war durch Unwohlsein daran verhindert und drückte in erneut Vric'e seinen Schmerz aus. daß er dem Wunsche des Verlebten, seines Freundes, urrd dein Verlangen des cigerrrn Herzens nicht Folge leisten konnte. Leipzig, 17. Dezember. ES dürfte mit Bestimmtheit anznnchincn sein, das; t»ic_ in Gera und Umgebung verbreiteten Flugblätter, sofern dieselben ans Leipzig stammen, vorn hiesigen Resorm-Bcreme verbreite: worden und, denn der Vorsitzende dieses antisemitischen Vereins „Herr Fritzsch", Verleger des „deutschen Müller" ha: erst kürzlich erklärt, daß die :u)p 0 des deutschen Volkes, die sich bei der Judcnfrage vollständig rhcilnahmlos zeigten, nur nach und nach dadurch zu gewinnen seien, wenn man gcwnicnbaft nach und nach an'§ „Anfklärnngswcrk" gehe. So sind denn schon vorn genannten Herrn Fritzsch eine große Anzahl von Flugblättern bei verschiedenen Gelegenheiten vcrrhcilt worden, deren Inhalt zweifelsohne „Aufklärung" ist: merkwürdig ist es nun aber, daß die Ausklärrrngsarbcittti gänzlich unpolitisch versaßt sind und nichts > weiter erreichen, als daß jeder vernünftige Mensch diese Flugblätter nur für blöde Hetzereien ansteht; und es ist auch vollkommen wahr: im Publikum hat dies AufklärungSwcrk nicht die geringste Beachtung und Anerkennung gefunden. Es ist jedoch gewissermaßen zu bewundern, daß die Behörde dieser, — nach gewissen, sehr begreistichcn Rechrssäye», — gefährlichen Aufreizung nicht cntgcgcngcsteucrt hat. Im Laufe der letztvergangenen Sommer, wo der Reform-Verein seine | öffentlichen Versammlungen abhiclt, wurde das Publikum mit Flugschriften bedenklichster Art belästigt, die zur gewaltsamen Ausschreitung gegen die jüdi-' scheu Mitbürger auffordcrtcn. Die hiesige Presse kennt, außer der königl. Leipziger Zeitung, überhaupt den Antisemitismus nicht und verurlhciltc cinstimmig, außer der genannten Zeitung, das Bcrfahreu des Reform-Vereins. Allein, wie überall, hat sich die Fiuth der üttliMürtifchen Ausartung auch in Leipzig weidlich verlaufen, denn, was hier vorgcgangen, betrachtete die anständige Gesellschaft für eine Schrnach, die inmitten einer Zeit, wo die von Gott eingesetzte Obrigkeit wacht, niemals crkeimen konnte und durste, da jeder Untcrrhan ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses sein Vertrauen auf die schützende Obrigkeit setzt. Tic Reformer sind abgekühlt worden, sie haben geglaubt, wie alle Antisemiten, mau werde nun mit -anzcr Hingabe und Treue zu ihrer Fahne eilen und ihre Vorwürfe, die sic dem Jndentünme cntgcgcnschlcudcrn, für Perlen der Weisheit halten. WaS waren das für Versammlungen? Große Plakate an den Säulen und Anzcigerafcln kündigten die Sitzungen des Reform- Vereins an und luden alle Gönner und Freunde der wahren Sache ein. Wohl waren die großen Lokale mit Hunderten besetzt, aber weit mehr mit Gegnern, als Freunden der Reform. Jede öffentlich angezcigre Versammlung mußte polizeilich gcschloncn werden- Die Sozialdemokraten, die amPlaye und in der Umgebung sehr stark vertreten-sind, waren in Schaarcn da, verschafften sich das Wort und geißelten die Herren Reformer nicht nur allein, sondern predigten ganz einfach ihre eigene Theorie, ohne nur im mindesten von der Vorschrift Roliz zu nehmen. Daraus entstand gewöhnlich ein fürchterliches Toben und Schreien, cs war kein Wort mehr zu verstehen, die Gcmürhcr waren erregt, die Polizei haue Mühe das Lokal zu räumen. Sicin an-

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