Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 94 (5.12.1887)
- Date
- 1887-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449788--27607-2517522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXVIII. Jahrgang. «AS 94» Ei» Kentrak - Organ für das orthodoxe IudenLhum. HcrauSgcgcbcn von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, Leu L. Dezember 5648 (1887). Leitende Artikel. Joseph. I. Mainz, l. Dccembcr. Unter den Löhnen Jakobs nimmt Joseph, sowohl durch seine Schicksale als auch durch den große» Einfluß, welchen diese aus die Entwickelung des israelitischen Volkes geübt haben, den hervorragendsten Play ein. Er war der älteste Sohn der geliebten Rachel, schön von Aussehen und schön von Gestalt, begabt mit den herrlichsten Vorzügen des Geistes, voller Anmuth und Lieblichkeit, so daß ihm Aller Herzen entgcgenflogcn; nur die seiner Brüder nicht, die ihn haßten und beneideten. Sie haßten ihn, weil er, was ihn in ihrem Thun unrecht bcdünkte, dem Vater hiuterbrachte und kn ein schlimmes Licht stellte. Und Jakob war ein strenger Vater, der mit Ernst und voll Thalkraft dafür zu sorgen bestrebt war, daß inmitten der heidnischen Welt alle seine Söhne zur Verehrung des einzigen Gottes hcranwuchsen. — Beneidet wurde Jo'evh von seinen Brüdern, weil Jakob ihn vor seinen übrigen Söhnen vorzog und diesem Vorzug dadurch Ausdruck verlieh, daß er ihn auch in der äußeren Erscheinung vor den Anderen auszeichnete. ^Niemals," lehren die Weisen, „soll ein Vater ein Lind dem andern voiHchcn. Dadurch, daß Jakob seinen Lohn Joseph vor den übrigen Söhnen auszeichnete, gestalteten sich die Ereignisse so, daß Israel nach Aegypten ziehen mußte, wo eine entscylichc Unterjochung seiner wartete." Einen tiefen Einblick in die Geschichte Josephs gewährt uns ein Ausspruch der 2i>ciKn, welcher bei rberflöchlichcr Betrachtung unverständlich und in sich widersprechend erscheint: C'i-n V* hä nV> 1NV22 'n er Iw *nn nett c'prcr. "exr n» by ,rpr* n ('n ‘o *Vnn) 30 wi :n*:r w iV *o»w »rroim «an* ^Heil dem Manne, der auf den Ewigen sein Vertrauen gesetzt hat und sich nicht gewendet hat zu b;m Stolzen und den trügerischen Verführern — das ist Joseph. Dadurch, daß er zu dem Ober- Mundschenk sprach: Mögest du mein gedenken und mögest du mich in Erinnerung bringen, wurde seine Lcidcnszcit um zwei Jahre verlängert." Dieser Midrasch scheint sich in sich zu wider« sprechen. Zuerst wird Joseph als derjenige bezeichnet, der lediglich auf Gott feine Zuversicht setzte und nicht an die Stolzen und Lügner sich wandte, und dann wird gesagt, daß, weil er den Lbermundschcnk um dessen Fürsprache ersuchte, seine Leidenszeit um zwei Jahre verlängert wurde. — Außerdem erscheint dieser Midrasch auch deßhalb unverständlich, weil nicht cinzusehen ist, welches Unrecht Joseph dadurch begangen, daß er den Obermundschenk um dessen Fürsprache ersucht hatte. Ist eS doch in unsrer heiligen Religion geboten, daß wir uns nicht thatcnlos auf die wunderbare Hilfe Gottes verlassen, sondern daß wir stets das Unsrige thun sollen, um das Gute herbcizusühren oder mißliche Dinge abzuwcuden. Was hatte demnach Joseph Unrechtes gcthan, daß er den Lbermundschenk, der ihm verpflichtet war, um dessen Fürsprache anging? Würde nicht jeder Fromme in ähnlicher Lage ebenso handeln? Und Joseph soll dafür gestraft worden sein, daß er nur gethan, was recht und angemessen war? lim diese Frage zu beantworten und in da- Verständniß des AusfpnrcheS der Weisen einzudringcn, müssen wir den Eharaktcr Josephs, wie er uns nach der Erzählung, der heUigen Schrift und