Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 90 (21.11.1887)
- Date
- 1887-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449784--27532-2517443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1600 Wir haben diese Erklärung uur deshalb mit» getheilt, um unseren geehrten Lesern zu zeigen, wie sehr die Eommeutatorcn bemüht sind, den in Rede stehenden Ausspruch der Weisen nur einigermaßen verständlich zu machen. Wir jedoch wollen versuchen, denselben in ganz anderer Weise zu erklären und zwar derart, daß aus ihm sich erhabene Lehren in Bezug aus unser religiöses und sittliches Verhalten ergeben. .Zwei Engel steigen empor, zwei Engel kommen hernieder. Wer sind diese Engel, von denen ein jeder so groß sein soll wie ein Drittel deS Weltalls? — Unter dem Worte „Welt" ist hier nicht die Erde, auch nicht daS Universum verstanden, sondern die geistige Welt, unsre heilige Religion, unser Verhältnis zum allmächtigen Wcltenlenkcr. Rabbi Aden Icchia, der Eommcntator des BuchcS Daniel, erklärt das Wort Tharschisch anders als Nascht undNabbcuu Saadjah. Er sagt n’rrrn ” px erra Tharschisch ist ein Edelstein, an Farbe dem Thrchclcrh ähnlich. Tie heilige Schrift schreibt vor, daß den Schausäden an unserem Gtwande ein Faden Thechelcrh, ein Faden blauer Wolle, hinzugcsügt werden mußte. „Und ihr sollt ihn sehen, und ihr werdet gedenken aller Gebote des Ewigen und sie Ihun." Wieso, fragen die Weisen, hat das Anschauen eines Faden Thecheleth, so große Wirkung? Das Thechelcth, antworten sie, gleicht der Farbe des Meeres, das Aussehen des Meeres ist ähnlich dem unbewölkten Himmel, und das unbewölkte Firmament gleicht dem Throne der göttlichen Herrlichkeit. Wenn wir also die Schanfäden betrachten, so werden wir dadurch an die Allgegcnwart Gottes erinnert und hüten uns zu thun, was Er uns verboten, und beeilen uns zu vollbringen, was Er uns geboten hat. So geschieht denn, was die heilige Schrift verheißt: Und ihr werdet ihn, den Faden Thechcleth, sehen, und ihr werdet gedenken aller Gebote des Ewigen und sie vollbringen. — Nunmehr willen wir, welches der eine Engel ist» von dem Rabbi Berachjah spricht: es ist die Erkcnntniß. Dementsprechend können wir auch die anderen Engel der Himmelsleiter, von denen zwei emporstcigen und zwei herniederkommcn, näher bezeichnen. Unser ganzes religiöses Denken und Empfinden fetzt sich ans vier Thätkgkcilcn zusammen. Diese sind: der Glaube, der Wille, die That und die Erkenntnis. Zwei von ihnen steigen empor: der Glaube und der Wille. — Unsre Weisen lehren, daß das Wesen, des Menschen voransbestimmt wird. Vor seiner Geburt wird verhängt, ob der künftige Erdenbürger stark oder schwach, geistig viel oder wenig bcanlagt, groß oder klein re. werden soll; nicht aber wird vorausbestrmmt, ob er fromm oder unfromm, gut oder böse hier auf Erden wandeln wird. Die Grundlage der Frömmigkeit und des tugendhaften Wandels ist der Glaube au Gott. Nur, wer mit ganzem Herzen an den einzigen Schöpfer des Weltalls glaubt, wird den einzigen Gott fürchten und lieben, wie cs sich geziemt. Ter Glaube ist daher der Engel, der von uns aus zu Gott emporstcigt, vir müssen den Glauben an Ihn unsrem Gotte cutgegenbringen. Gott hat die Menschen nicht derart erschaffen, daß sie an Ihn glauben müssen: es liegt da» vielmehr in des Menschen freier Wahl, und daher erzählt uns die heilige Schrift, daß Gott unsrem Vater Abraham den Glaubcn.au Ihn als Tugend angerechnet habL. Wie mit dem Glauben, so verhält es sich auch mit dem Willen. Tie Freiheit des Willens ist eine der wichtigsten Grundlagen unsrer heiligen Religion. Ter allmächtige Gott übt auf die Willensbcstimmung des Menschen keinen Einfluß, wie unsere Weisen lehren: Alles steht in Gottes Hand, nur nicht die Gottesfurcht. Ter Wille des Menschen ist frei: er kann Gott fürchten oder kann sich zu den Widersachern Gottes schlagen. Der Wille» Gott zu dienen und Seine heiligen Gebote zu beobachten, das ist der zweite Engel, der von uns aus, der von hienicden zu Gott emporstcigt. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenze». Deutschland. Mainz, 17. November. Der ehrwürdige Rabbiner von Kowno, Rabbi Jizchak Elchanan Spector dem wir das Ergebnis unserer tzweitcn) Sammlung für die Abgebrannten in Rußland (545 M.) übersandt haben, ersucht uns, den verehrlichen Spendern seinen und der unterstützten Armen herzinnigen Tank anszusprcchea. Frankfurt a. 2JL, IT. November. Verflossenen Montag fand die Generalversammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur statt. Ter Vorsitzende, Herr Dr. H. Heknemann, erstattete in derselben Bericht über das abgclaufene Vercinsjahr. Ter Verein hat nahezu zweihundert Mitglieder. Die öffentlichen Vorträge . vom vorigen Winter waren, wie der Vorsitzende constatirt, stets sehr zahlreich besucht, und iu dar wöchentlichen Mirglieverzusammenkünften zeigte sich durch die lebdancn Debatten, welche sich an die Vorträge .auschwsscn, ein reges wissenschaftliches