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Der Israelit · 1887-11-17 · Heft 89 (17.11.1887) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 89 (17.11.1887)
Date
1887-11-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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1594 mit Bändern tn den kaiserlich und ungarischen Landesfarbcn geschmückt. Dem jcweil. Gemeindevorsteher und zwei Vertrauensmännern fällt die ehrenvolle Mission zu, dieselben dem Kaiser in besonderer Audienz zu überreichen. 3» diesem Bchufe erhält die Tcpmatio aus der kaiserlichen Schatzkammer eine große Silbcrplatte, auf der die Gänse placirt werden. Dem Kaiser wird mit vier, der Kaiserin, dem Kronprinzen, der .Kronprinzessin mit je zwei Stück dieser Prachtexemplare aufgewartet. Heber den Brauch der Ueberreichung der Martiniganse durch die Prcßburger Juden sind verschiedene Versionen im Schwange. Ter Tropfensall der Zeit hat die Erinnerung über die tz-itte, die ans weiten Zcitferncu datirr, verwischt. ES hält schwer, Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden. Tie Anekdote, dieses würzige Unkraut der Geschichte, rankt an dem alten Brauche wie Ephcu hinan. Schriftliche Aufzeichnungen fehlen gänzlich. In dem harten Kricgsjahre l.soa wurde Prcßburg vom 26. bis 29. Juni von den Franzosen unter dem entsetzlichen Davoust bombardirt. Weit mehr als hundert Häuser wurden ein Raub der Flammen, darunter auch das jüdische Gemeindehaus mit sehr wcrhvollcm Archiv. In Preßdurg neigen einige der Meinung zu, die Sitte datire aus der Zeit der ungarischen Könige, Andere bringen sie mit Ferdinand I. in Verbindung. Wieder Andere sprechen sich für die Zeit Mathias I. aus. Dieser feierte einst das Martinsfcst in dem allzeit getreuen Prcßburg. Für die Hofschranzcn war es ein böser Tag, so viel Mühe sic sich auch gaben, es wollte ihnen nicht glücken, in der schönen Donaustadt eine Gans für die kaiserliche Tafel aufzutrcibcn, bis die Judcngcnrcii'.dc mit sechs gediegeuen Gänsen die schwere Roth bannte. Dem kaiserlichen Gaumen behagten sic so ausnehmend, daß Mathias der Prcßburger Judenschan mehrere wcrlhvolle Privilegien erthcilre, nur der Gegcnvcrpflichtung. von min ab für den kaiserlichen Tisch den üblichen Martinibratcn zu liefern. . Aach Andern ist die Sitte jüngeren Datums. Kaiser Joseph ll. soll sic eingeführt haben. Wahrscheinlich hat man es da mit einer der zahlreichen legenden zu thun, die das Andenken des edlen Herrschers in den breiten Volksschichten lebendig erhalten. Kaiser Joseph, erzählt man, wandelte, wie cs zuweilen feine Art war, ungckannl in den Pferch des Prcßburger Ghettos. Um seine Studien über das von ihm zu erlassende Toleranz-Edkct zu vervollständigen, rrar er in eine jüdische Garküche und ließ sich einen Gänsebraten fervircn. £b dieser den Versal! des Kaisers gewonnen, der, wie bekannt, fernem Gaumen wenig Eoncessionen machte, darüber schweigt die Geschichte: aber Thatsache ist es. daß er die Deputation der Prcßburger Juden mit den Martinigäuscn in dem historischen Audienzgange der Wiener Hofburg empfing. Sie trugen das schimpfliche Abzeichen der nngeehrten Fremdlinge, den rothen Mantel, zur Unterscheidung von ihren böhmischen Glaubensgenossen, die eine blaue Halskrause, und von Len deutschen, welche die gelbe Eocarde stigmatisirte. „Was ist das für ein Regiment?" fragte Joseph II. den dienstthuenden Sekretär, ans die Deputation weisend. — „Eure Majestät, das sind Juden." — „Das hört auf, sofort!" brauste der edle Monarch auf. Alle die hier angeführten Vermuthungen über die Entstehung dieser eigenthümlichen Sitte sind irrig. Die Lieferung der Martinigänse war nichts als eine Steuer, welche den Juden an vielen, vielen Orten aufgelegt war. InMainz mußten die Juden dem Kurfürsten die Martinigänse liefern; im vorigen Jahrhundert wurden statt der Gänse in nntnr» zehn Tucaten dem Kurfürsten am Martinslage vom Vorstände der isr. Gemeinde in feierlicher Audienz überreicht. Tie Vorsteher trugen eine Amtstrachi: eine „breite Haube" (Baret), einen schwarzen Talar (Sabbat-Mantel) und eine goldene Kette (um den Hals). Der letzte Kurfürü von MainZ. Franz Egon von Erthal, hatte bei seiner Tsronbestciguug einen bis dahin armen Israeliten, mit dem er von früher her befreundet gewesen, zu seinem Hoflieferanten ernannt und den Wunsch ausgesprochen, daß dieser zum „Vorgeher" der Judcngcmcinde ernannt werde, was auch geschah. Am darausfolgenden Il.Rovdr. erschien der neuerwählte „Vorgehcr" mit seinen Eollegen im kurfürstlichen Schlosse, um das „Märtelsgeld" zn überreichen. Die Deputation mußte warten. Diese Zeit benutzte der neue „Vorgeher", sich von Kopf bis zu Füße» in einem der großen Spiegel zu betrachten. Von ihm unbemerkt war der Kurfürst cingetrcten. . Er eilte auf feinen alten Bekannten zu, klopfte ihm von hinten auf die Schulter und rief: „Ei, Moddelche, was bist Tu so eitel geworden!" — Diese Worte des Kurfürsten blieben noch lange im Angedenken der Mainzer Juden. — Auch in andern jüdischen Gemeinden, in Schnaittnch (beiNürnberg), m Halberstadr :c. hatte man statt der Gänse in natura eine Geldsumme zu liefern. — Man besteuerte eben die Inden, wie und wo man konnte und war in der Auflegung der verschiedenartigsten Stenern öußcrfl erfinderisch. —

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