Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 84 (31.10.1887)
- Date
- 1887-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVm. Jahrgang. M 84« Der Israelit. sr, Kentrat - Grgan für das orthodoxe Zudenthum. Heronögegebcu von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den LI. Oetober 5647 (1887). Leitender Artikel. A 5 r a? a m. ii.>) Mai« $, 27. Oktober. Unsre Weisen erzählen, duß Abraham schon früh durch eine wunderbare Verkettung der Um« üändc zum Nachdenken über die Wcltlcnkuug gelangte. In der Nacht, in welcher Abraham geboren wurde, weissagten die Weisen am Hofe Nimrods, daß der in dieser Nacht geborene Sohn des Therach dem mächtigen Könige gefährlich werden würde. Nimrod verlangte von Therach die Ermordung des KnäblcinS. Tiefer aber erbarmte sich seines Lohnes und verbarg ihn und deffcn Mutter viele Jahre in einer Höhle. Als Abraham die Höhle verließ, erfüllte ihn mit Ltaiiucn und Bewunderung, was allen Andern alltäglich erscheint. E-r fragte nach der Herkunft der Pflanzen, der Thicre, der Menschen, der Berge, der Flusse, der Sterne, der Lonne. Sein Vater zeigte ihm die Göpenbilder und bezeichnete diese als die Schöpfer und Lenker des Weltalls. Nicht konnte ein solcher Hinweis den denkenden Jüngling befriedigen, und er suchte und forschte unablässig. — Wie viel besser doch barte es Äoach! Eine ununtcrdtochene Kette der Tradition pflanzte sich fort von Adam auf Schtth und Mcthufchelach, so daß Noach dcö Letztgenannten Unterricht genießen konnte. So wurde dem Äoach die Wahrheit übermittelt. wie sie uns übermittelt wurde. Daher wird Noach ein r* ren pns, ciu gerechter, vollkommener Mann ge« «Gnu;, dem zu eigen war die 2rn mrrsn, der mit ganzem Herzen der Tradition anhing, die ihm von •j tfonüfcnnj» und Schluß. feinem Vater Lcmech und seinem Großvater Mcthuschclach geworden, und dcßhalb wird er gerühmt und gepriesen, sofort da sein Name erwähnt wird, und wegen seiner vollkommenen Frömmigkeit findet er Gunst in den Singen des Ewige« und wird errettet vont allgemeinen Verderben. Viel schwerer hatte es Abraham. Wohl lebten noch zu seiner Zeit seine Stammväter Schem und Eber; aber sie lebten fern von seiner Hcimath, und Abraham lernte sie erst später kennen. Im Reiche des gewaltigen Helden Nimrod gab es nur Götzendiener, und zu diesen gehörte auch Therach, Abrahams Vater. In seiner Forschung nach der Wahrheit war Abraham nur auf sich angewiesen. Wie unendlich schwer cs ist, die Wahrheit auf dem Wege des Nachdenkens zu erkennen, selbst wenn man sie schon kennt, davon kann jeder Denker erzählen; um wie viel schwerer aber ist cS, die Wahrheit zu erkennen, wenn man sich des zu erstrebenden Zieles noch gar nicht bewußt ist. — Im vorigen Zahrdnndert vermeinten die Philosophen der Leibnitz- Wols'schen Schule die Wahrheit ausschließlich auf dem Wege der Forschung finden zu können. Man erzählt, es habe Jemand Moses Mendelssohn gefragt, ob er an Gott glaube, und der Philosoph habe erwidert: er glaube nicht an des Dasein Gottes, sondern er sei davon überzeugt; das sollte heißen, er sei im Stande, durch philosophische Schlußfolgerungen da- Dasein Gottes zu erweisen. Diese Anschauung sollte — nicht Mendelssohn — aber dem unmittelbar folgenden Geschlecht verhäng, nißvoll werden. Tenn bald kam die kritische Schule, kam Immanuel Kant und riß das ganze Kartenhaus der Lcibnitz-Wolfiancr zusammen. Nein, die Wahrheit aus eigener Forschung unumstößlich zu finden und zu erweisen, dazu reicht daS Können unsres Geistes nicht aus, das vermochte selbst Abra-