Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 82 (24.10.1887)
- Date
- 1887-10-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1474 tit den frühere» Zeiten waren gottlob noch nicht so oberflächlich und leichtfertig, — um nur des Gewinnes willen Reifen mit schweren Opfern zn unternehmen und dann nicht einmal die alten heiligen Gewohnheiten und Vorschriften halten zn können, — nein, eine jüdische Speisewirthschaft mußte in Leipzig beschafft werden. Wo es sich um die Gründung und Beschaffung zur Religion des Judcuthums gehöriger Dinge handelt, wird es immer Männer geben, die nicht nur Rath schaffen, nein, die Thatlrast entwickeln: so auch hier. Einige einflußreiche und angesehene jüdische Kaufleute empfahlen Herrn Wolf Lander aus Dessau. Derselbe hatte bereits im Jahre 1776 in Dessau eine Lyeisewirrhschaft begründet und sich einen guten Namen erworben. Tie Leipziger Behörden, welche damals etwas länger Zeit zur Entscheidung brauchten, als heute, bei Genehmigung der Eröffnung einer Speifewirthschaft, — entschieden sich doch angesichts dcS Drängens der jüdischen Meßbesucher für die Annahme der Empfehlung, und Herr Wolf Lander erhielt Erlaubnitz mit Beginn der Messen hier seine Speisewirthschaft dis zum Schluffe derselben zu betreiben. Bald harte er durch seine Tüchtigkeit und echt jüdische Frömmigkeit den Namen eines vorzüglichen Wirthcs erworben und weit und breit, wo nur jüdische Leute binkamen, empfahl man Wolf Sandcr's Speisewirthschaft. Welch' Wunder daher, daß von Jahr zu Jahr das Geschäft wuchs. In der Michaclismcffc, wo gar oft die großen Hcrbüfcstc in die erste Meßwoche sielen, konnte man in Wolf Lander'« Speisewirthschaft einen Verkehr bewundern, der jeglicher Beschreibung spotten würde. Da saßen Edelst eiuhändlcr, die Kostbarkeiten und mächtige Schätze in kleinen Kästchen bei sich führten, und alle Sprachen Europa'« im bunten Durcheinander schwirrten durch die Räume, die zwanzigmal so groß hätten sein können und doch stets besetzt gewesen wären. Kaum war ein Platz leer, so bemächtigte sich ein Ankommender schon des freigewordcncn Sitzes; kurz, früh und spät, standen geschäftige Hände den kommenden Gästen zu Diensten. Ta waren große Fabrikanten an« England, die bescheiden am Tische speisten, — Männer, die längst durch ihre Tüchtigkeit und gewaltige Arbeitskraft weit und breit, trotz des BorunheilcS, sich Ansehen und Hochachtung verschafft hatten. Um kernen Preis hätten diese ehrwürdigen Erscheinungen sich verleiten lassen, wo ander« zuspeisen, als in Sandcr's Wirthfchaft. Ta wurde manche Wohlthat für xüdifche Zwecke begonnen und geräuschlos ausgeführt> da wurde manches ernste Gespräch über die Zukunft und die Lage Israel geführt. Ja, mein geneigter Leser, wenn Du jemals nach Leipzig komme« solltest und cS schlägt Dein Herz für aller jüdische Alrchrwürdige noch warm, so suche jene Locale auf, wo einst ehrwürdige Glaubensbrüder saßen und nach den Kämpfen deS Lebens gemeinschaftliche Schritte für die Emancipation beriethen. Im Jahre 1843 forderte der Magistrat zn Leipzig den Inhaber der Sander'schen Speifewirthschafr auf, sich ständig hier niederzulassen. Wolf Sander kam auch dieser ehrenden Aufforderung nach, und nun bekam das Geschäft in alle» Beziehungen eine so große Bedeutung, daß selbst Nichtjudcn um der vorzüglichen Speisen willen der Sandcr'schen Küch» ihre Besuche abftattetm. Wolf Sander war, als er nach Leipzig kam, um sich daselbst gänzlich nicderzulanen, schon ei» alter Herr; bald darauf, als er umgezogen war. legte er fein müdes Haupt zur ewigen Ruhe nieder. Sein Sohn Mendel übernahm die Speisewinhfchast und verlieh derselben weit und breit Ansehen. Auch Mendel starb im hohen Grcisenalter, nachdem er mehrere Jahrzehnte rastlos gearbeitet hatte und nun übernahm die Speisewirthschaft die Wittwe Mendels, welche eine lange Reihe von Jahren die Repräsentantin war, bis sie vor ungefähr 12 Jahren starb, und noch heute lebt ihr Andenken fort. Seit jener Zeit nun hat der geschäftliche Gang dieser Wirthfchaft nachgelassen; dies ist in der That höchst bedauerlich. Auch hatten sich unbegründete Gerüchte Verbreitung verschafft. Tie Speisewirthschast, hat c§ geheißen, sei nicht mehr in jüdischen Händen. Im Sanderschcn Restaurant haben zn allen Zeiten jüdische Hände gearbeitet und das Ganze geleitet, genau wie es die Vorschrift gebietet. Wenn also der Geschäftsverkehr nicht mehr derselbe wie früher ist, so liegt dies zunächst an den Zeitvcrhaltniffen. Auch die Juden sind nicht medr dieselben. Jetzt nun soll dieses ehrwürdige Spciscbaus durch Verkauf in andere Hände gelangen. Wie sehr wäre cs zu wünschen, wen» ein cchtftomnicr, jüdischer Mann aus Grund dieser altrenommrrtcn Wirthfchaft eine neue gründete. Ter Dank und das Entgegenkommen einer immer noch genügenden Zahl von Gästen würde das Unternehme» fördern. Sehr beklagenswerch würde, cs aber sein, wenn ein so altes Speischalls, das weit über 10® Jahre besteht, eingchen würde — dies wäre em Zeichen, das weder mit jüdischer Spekulation, »och jüdischer Pietät zu vereinbaren wäre. Karl Wiefenthal.