Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 78-79 (13.10.1887)
- Date
- 1887-10-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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■ .1.y w«>."f»"""> -—" ¥ <&&**&><***&& 1413 Indessen war es nicht das Bewußtsein ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge, was Therese veranlaßt hätte, ein ihr, in materieller Beziehung allerdings überaus günstiges Ansinnen so kurz und ernstlich zurückzuweisen. Sie war viel zu bescheidenen Sinnes, um aus jenen Vorzügen, die sie kaum als solche zu kennen und zu betrachten schien, maßlose Ansprüche auf Lcbcnsglück zu schöpfen, und viel zu frommherzig, um sich zur Ueberhedung bmreißen zu lassen. Ihre Abweisung, die so rasch und aus instinkrartigcr Gefühlsregung erfolgte, hatte ihren wohlberechtigcn Grund in ihrem ganzen iuncrn Sein und Leben. Tie Altersverschiedcnhcit hätte nichts Schreckhaftes für sie zu haben brauchen; denn ihr Oheim war erst ein angehender Vierziger und hatte noch ein ganz stattliches Acußcres; aber zwischen ihrem Eharaktcr und dem ihres Oheims mar eine so bedeutende Kluft, daß sie vor dem Gedanken eines ehelichen Zusammenlebens mit ihm unwillkürlich zurnckschrcckcn mußte. Er hatte zwar durch ihren Einfluß manche Rauheit abgelegt; aber cs war doch noch so viel Unverbesserliches an ihm geblieben, was nun einmal in seinem Eharakrer lag. daß ein eheliches Leben mit ihm für eine feinfühlende und gebildete Frau sich zu einem wahren Martyrium Härte gestalten muffen. Eine Verschiedenheit des Temperamentes zwischen Ehegatten läßt eine gegenseitige Ausgleichung und unter Umständen, ein glückliches Zusammenleben zu; Verschiedenheit des Eharaklers aber, welche doch stets das üuliche Gebiet berührt, macht diese nur äußerst selten möglich. Tas hatte Therese bei dem so uncrwarteten Ansinnen ihrer Tante augenblicklich im Gefühle gelegen, und daraus war ihre Abweisung erfolgt; späteres Nachdenken hierüber, das sie in ihrer Lage dennoch für Pflicht gehalten, batte ihr vollständige Klarheit gebracht und ihr Recht gegeben. Dadurch fühlte sic sich für die Zukunft gegen jedes Schwanken gefeit! Toch der Versucher ließ nicht lange auf sich warten. In den ersten Paar Monaten nach dem Tode der Frau Rüben machte sich in dem Beuchwen Meier Nubcn's gegen Therese keine Veränderung bemerklich. Erst nach dieser Zeit fing er nach und nach an, sich viel freundlicher gegen diefclbe zu zeigen, als dieses vorher der Fall gewesen war. Das blieb von Therese nicht unbemerkt und war ihr, da sie durch die Aeußerungeu ihrer Tante aufmerksam gemacht, nichts weniger als angenehm. Äc seyte daher allen seinen sich täglich sicigenScu Einschmeichelungen eine sich in demselben Verhältnis steigernde Gleichgiltigkeit entgegen. Meier Rüben bemerkte dieses mit Verdruß, ließ sich aber nicht irre machen; er war ein standhafter Bewerber. Er schien es nur für nöthig zu halten, seine Absichten ein wenig deutlicher au den Tag zu legen. Er hatte mit seiner verstorbenen Frau glücklich gelebt und ihr nie ein Leid zugcfügt; sie Hane aber auch nicht die mindeste Einwirkung auf sein Thun und Lassen zu üben gesucht. Ein erster Versuch dieser Art war von ihm äußerst schroff zurückgewieseu worden, so daß sie einen zweiten nicht mehr wagte. Dadurch wurde ein friedliches Verhältnis möglich gemacht und aufrecht erhalten. Er war nie von feinen Gängen über Land zurückgekommen, ohne feiner Frau etwas mitzubringcn und wenn es auch nur eine Kleinigkeit war, ein Paar Aepfel oder Birnen, im Herbste einige Weintrauben, oft auch irgend eine Süßigkeit aus einem Eonditorladen und zuweilen gar einen goldenen oder silbernen Schmuckgegcnsiand. Er begann jetzt dasselbe auch Theresen zu thun; diese weigerte zwar Anfangs die Annahme, ließ sich aber durch sein Drängen doch endlich zu solcher bewegen, theilte cs aber m seiner Gegenwart unter die Kinder. Tas schmerzte ihn gewaltig. „Darfst Tu nicht essen, was ich Dir milbringe?" sagte er einmal zornig zu ihr, nachdem er es mehrercmal stillschweigend mit angesehen hatte. „Ich mache mir aus dergleichen nichts; die Kinder essen cs lieber," antwortete sie ruhig. „Ich habe es Dir mitgebracht und nicht den Kindern" herrschte er sie an. Therese schwieg still. Am andern Tage brachte Nubcn ihr wieder etwas mit und für jedes der Kinder dasselbe. Therese nahm das für sie Bestimmle und steckte cs in die Tasche, um cs ander« Tages den Kindern zu geben; sie selbst aß nie etwas davon. Auch dieses entging ihm nicht; er gab cs abc-r nicht zu erkennen und kramte icdcu Abend sein Mugebrachtes aus. Er hoffte auf diese Weise den Widerstand Thercsen's mir der Zeit zu überwinden. Therese aber cuipfand das Unangenehme ihrer Lage aufs peinlichste, und hätte sie sich nicht durch das ihrer Tante gegebene Versprechen für gebunden gehalten, so wäre ihr der Entschluß zur Aufgabe ihrer Stellung im Hause ihres Oheims jcpt nicht schwer geworden. Tas Trauerjahr war zu Ende gegangen. Schon in der darauf folgenden Woche trat Meier Rübe» mit einer offenen Bewerbung an Therese heran. Er war des Abends von einer mehrtägigen Reife zurückgckchtt. Am andern Morgen hatte er Therese zu sich in das Nebenzimmer rufen lassen. Sie waren beide allein im Zimmer. Er holte aus der Tasche eine schöne goldene llhr und eine gol-