Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 73-74 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVm. Jahrgang. M 73 & 74. Sil Kentrak - Organ für das ortkodo.re Audenthum. HerauSgcgcbrn von Br. Lehman» in Mainz. Donnerstag, de« 22, September 5647 (1887). Da mit dem 1. Cd. 1887 ein neues Quarta! beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten' Abonnentcu darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitender Artikel. Are Kückfreßr zu Hott. (Nach Maimouides.) HI. Mainz, 15. September. Einer der vornehmsten Grundlagen unsrer hei» Iiqcn Religion ist die, daß dem Menschen die Frcidcit verliehen ist worden, die Freiheit des Willens, die Freiheit der Wahl. Unter allen geschaffenen Wesen ist der Mensch der Einzige, welcher nach seinem eigenen Sinne, nach seinem eigenen Ermessen thun und lasten kann, was er will, das Böse oder das Gute. Zeder Mensch kann fromm, brav uud tugendhaft oder das Gcgenthcil sein. Nichts zwingt ihn, den Weg des Guten oder den des Bösen cinzuschlagen; wohl üben Erziehung und andere Vcrhältuiffe großen Einfluß aus; allein, der Mensch kann trotz der besten Erziehung und trotz der günstigsten Verhältnisse ein Böscwicht werden uud ebenso kann er trotz schlechter Erziehung und ungünstiger Verhältnisse sich zur Tugend emporarbeiten. Der Mensch ist in keiner Wcisc vorausbestimmt, weder zur Tugend noch zum Laster. Tie guten Thaicn, die er vollbringt, sind sein eigenes Verdienst und die Sünden, die er begeht, sind seine eigene Schuld. Wenn also der Mensch gesündigt hat, so har er Niemanden darob anzuklagcn als sich selbst. Es ist daher seine Pflicht, seine Sünden zu bereuen. Diesen Gedanken svrickt auch der Prophet Jirmijabu (Echa E. 3. V. 38 und ferner) aus: „Von dem Höchsten wird nicht bestimmt, ob der Mensch das Gute oder das Döse thun soll. Was beklagt sich also der lebende Mensch, der Mann ob seiner Sünden? Lasset uns untersuchen unsre Wege und durchforschen und zurückkchren zum Ewigen." — Ja der heiligen Schrift ist es an vielen Stellen deutlich ausgesprochen. daß der allgütige Gott dem Menschen die Freiheit des Willens verliehen hat, und ihn dcßhalb auffordert, den Weg zu wählen, der Tugend fschrt nnd znm ewigen Leben,- und den Weg zu meiden, der zum Laster führt und zum ewigen Tode; Gott spricht sogar den Wunsch aus (5. B. M. E. 5, V. 26), daß die Israeliten alle Zeit .in der Gottesfurcht und in der Beobachtung aller Seiner Gebote verharren möchten, damit es ihnen und ihren Kindern wohlergehe für ewig. Gott hat damit ausgesprochen, daß Er keinerlei Zwang übt auf die Menschen, das Gute oder das Böse zu thun, sondern daß Er daS ihrer freien Selbstbestimmung überläßt. Und wie Gott selbst in dieser Beziehung keinerlei Zwang auSübt, so läßt Er cs auch nicht zu. daß irgend welche zwingende Nölüigung zur Tugend oder zum Laster durch natürliche Beanlagung oder durch die Macht derVerhälluine geschehe. Wenn, wie so viele thörichte, sich weise dünkende Menschen, die sich Philosophen oder Naturforscher nennen, behaupten, der Mensch nicht frei wäre, sondern der Nothwendigkcit gehorchen müßhe, — wie könnte da Gott uns de-, scblen oder, durch Seine Propheten uns befehlen lassen: Thue dies oder thue dies nicht, wähle den Weg des Guten und folge nicht den bösen Trieben deines Herzens! Was kann ein Befehl oder ein Ra!h nützen, welcher der zwingenden Nothwendig« feit entgegengesetzt wäre? Dann würde jede Gr-