Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 72 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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SXYIIL Jahrgang. Erste Beilage zu!lr. 72 des Israelit. ZeituugSuachrichte« und Correspondenzen. Deutschland. «Siesten, 12. September. Ter antisemitische Abgeordnete für Marburg, 2r. Böckel, hielt f.n:;rn Nachmittag in dem benachbarten Lollar eine incmliche Versammlung ab. Er sprach vom Balcon rmrs Gasthauses aus zu der nach Hunderten zählenden Menge. Seine Rede croffncrc er „nach anti'cmttischem Brauch" mit einem Hoch auf den Uai- Seine Partei, fuhr er dann fort, habe ein ganz bestimmtes Programm, wenn auch nicht ausgeschlossen sei, daß sich dies nach Maßgabe der Umstände im Lause der Zeit ändere. Auf diesem Programm s'chc unter Andern das allgemeine, geheime und dircctL Wahlrecht, dessen Ansdch.mr.g auch ans die Landtagswählea sie erstrebten. Die Antisemiten suchten mit keiner anderen politischen Partei Gcmcinschan, sondern bekämpften alle in gleicher Weise. Nunmehr aus sein eigentliches Thema übergebend, crllärte Tr. Böckel, für ihn gebe cs in Deutschland v.?ci große Nassen, eine deutsche und eine jüdische, ('in Jude könne nie ein Deutscher werden; auch die Taufe ändere daran nichts, da der Uulerrichr nicht durch die Religion, sondern durch das Blut bedingt sci. Nun sei die natürliche Grundlage eines jeden Lölkes der Bauernstand. Zum Landwirth tauge jedoch erfahrungsgemäß der Jude ni-chl, selbst nicht in Palästina. Gleichwohl brächten die Juden immer mehr Grundbesitz an sich. Sic ruinincn den Baucrnstand und unlcrwühltcn dadurch die einzig festen Grundlagen de« Staates. — Soweit war Böcke! gekommen, da wurde die Versammlung durch den Rrgiernngsasscssor Römhcld aus Gießen aufgelöst. Frankfurt a. M, den 11. September. Kaum ein Jahr ist seil dem Hinscheiden des Rabbi Moses Mainz Hk verstrichen, so ist auch seine Gattin Uran Fanny Mainz, nachdem dieselbe ein Alter von dreiundachtzig Jahren erreichte, ihm im Tode Nwlgt. Bis auf de» letzten Tag ihres Lebens voller Rüstigkeit und Frische im Kreise ihrer Binder und Enkel rhätig. wurde sie plötzlich vorigen Mftrwoch xon einem Schlagstusse bcrroncn, der sie nach nnem Leiden von wenigen Sninden dabinraffte. Um ihr Wesen zn bezeichnen, genügt es zu sagen, baß sic die würdige Gattin eines Rabbi Moses! Main; war. Gleich ihm war sic erfüllt von echtj jüdischer Gesinnung und Pflichttreue, gleich ihm war sie vor Allem bemüht, diese Gesinnung ihren Kindern und Enkeln z» erhalten, und daß dies so herrlich gelungen, war der Stolz und die Freude ihre- Atters. Ter große Zug. der ihr das Geleite zur letzten Ruhestätte gab, lieferte ein Beweis, wie hoch sie geschätzt wurde. Frankfurt a. M. 12. September. Gestern Nachmittag fand die feierliche Einweihung der neuen, im Ncligionsschulgcbäude am Hcrmesplatze errichteten Löb-Rciß-Synagogc statt. Tie schönen Räume dieses Betsaalcs waren bci dieser Gelegenheit bis auf den letzten Platz gefüllt und alle Besucher waren entzückt von der einfachen und zugleich würdigen Art, in welcher dies Gebäude hergcstellt ist. ES hat im Ganzen ca. 100 Plätze, und der Umstand, daß weitaus der größte Thcil derselben bereits vcrgriffen ist, zeigt, wie sehr die'Anlage eines Gotteshauses in dem nordöstliche» Thcilc der Stadt dem Bedürfnisse entsprach. Um fünf Uhr wurden die Gcsctzcsrollcn in das GortcshauS hincingetragen. Herr Jakob S. Posen, der in uneigennütziger Weise die Leitung des Gottesdienstes und das Borbcteramt in der neuen Synagoge übernommen hat, entfaltete hierbei die volle Kraft seiner sonoren Stimme und riß zugleich durch den innigen und tief empfundenen Vortrag der Gebete alle Versammelten zur Bewunderung hin. Nachdcnr dann die c-ses in die heilige Lade gesetzt waren, entwickelte Herr Rabbiner Tr. Horowiy, der Direktor der isr. Rcligionsschule, in geistreicher Weise die Geschichte dieses Gotteshauses. Ein neues und doch auch zugleich ein altes Werk sci cs, dessen Vollendung wir heute begrüßten. Zu einer Zeit, wo von außen trübe Nacht für die Juden geherrscht hatte, und sie in die Ghctti gebannt waren, dafür aber im Innern desto glänzender und Heller das Licht der Thorah ihnen gestrahlt, habe ein edler Mann, Löb Elias Reiß, sein Hans und den größten Thcil seines Vermögens einer Stiftung geweiht, die die drei Grundsäuleu der Welt n"n rrray m-n, in Frankfurt hätte stärken sollen, Thora durch die Begründung eines Beth- Hamidrasch und einer Schule. Awodah durch eine Synagoge und Gcmiluth Ehasodim durch Unterstützung nothlcidcnder Glaubensgenossen. Nach seinem Hinscheiden haue seine edle Frau, Nechla, die Tochter eines am Kaiscrhofe zu Wien hochangesehcnen und dort für die Interessen seiner Glaubensbrüder uncrmüd-