Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 72 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1325 iinrr beifälligen Aufnahme $n erfreuen hatte, da n von der Nothwcndigkeit befreite, einmal zu einem Ls!« Zwecke recht lief in die Tasche zu greife». T:e Einwerrdun», des Vorsitzenden, da» es.sich doch lt\ r hauptsächlich darum handele, den jetzt noch frischen Eindruck des traurigen Ereignisses und das roch allgemeine Ergripenscin vc-a demselben zu einer Zl'ät pflichrschuidigcr Tankbarleit auszunützen, konnte s.egcn diese selbstsüchtige Anschauungsweise nicht zur »Leitung kommen. Sind solche kalte Bcrstandcsbceechmmgcn auch logisch nnansechtbar, richtig sind iir doch nicht, weil ein Hauptsactor im Mensch«, oeru bei vielen Erwägungen eine Bollstimmc gccährt, bei ihnen in der Regel unbeachtet blecht, nämlich das Herz. Ter erste Vorsteher, Nathan Weil, hatte Therese ''einen Entschluss, sie bis zur Vollendung ihrer Stn- :>icn in sein Haus zn nehmen und für alle ihre Lcdirrsi'.isse zu sorgen, mitgcthcilt, und cs war ihm sach gelungen, ihr Widerstreben, die Wohnung zu erlassen, Lurch vernünftiges Zureden zu überwinden und ihre Einwilligung zu erlangen. Ihr Oheim hatte aber dazzclbc geplant und sich bereits darüber mit feiner irrau bcrarhcn, und Beide waren über e-iefc Angelegenheit zur vollsten Uebereinstimmuug " gelangt. Aus Meier Rüben har nämlich der plötzliche To) seines Bruders einen tiefgehenden Eindruck gemacht. Lein Herz schien, wenigstens jetzt, nie nmgcwandeit. Es war wcichcrn und bessern R.'gnngm zugänglicher geworden. War cs, daß da-:, unerwartete und schnelle Hinnerbcn eines so ledenskräsrigen nnd ihm vcrwandschaüüch so nahe stehenden Mannes als ein mächtiges Memento mori cn seine Kruft gepocht hat, oder war cS das Bewusstsein, seinem fromm« Bruder durch sein Bcrlaltcn manchen Verdruss und manche Hrrzkränkung irrrcitci und darum jept die Pflicht zn haben, dieses vi sühnen, oder war cs Beides zugleich, genug: er war durchdrungen vou deur Pstichtgcfühlc, jetzt für das vcrlasicnc Kind seines Bruders cimretcu zu müssen und Vaterstelle bei demselben zu übernehmen. I Er hatte bis jetzt seiner Richte von diesem Ent- 1 schlussc noch keine Mitrhcilung gemacht; er erschrak 1 daher, als er erfuhr, dass auch der Vorsteher West I dieser Vorhaben hege und bereits öffentlich zu erkennen gegeben habe. Jetzt wurde auch sein Stolz m Mitleidenschaft gezogen, von dem er, troy seiner | Schäbigkeit, stets einen ziemlichen Amdeil befass.; i/r eilte daher zu Therese, theiltc ihr seinen und f seiner Frau Entschluss mit und bat ne, recht bald von dem ihr gemachten Anerbieten Gebrauch machen zu wollen. Sic setzte ihn von dem ibr gemachten gleichen Anerdieteu des Vorstehers Weil und von ihrer bereits erklärten Einwilligung in Kenntmß, weßhalb sie verhindert sei, von feiner Einladung, für die sie übrigens hcrzirchst danke, den gewünschten Gebrauch machen zu können. Er erschrak heftig, stellte ihr aber sehr eindringlich vor, daß sie ihn durch Zurückwcrsen seines Anerbietens öffentlich beschauten und auf'S Tiefste kränken und bclcidigeui würde. Sie brauche kein Gnadcnbrod bei Fremden zu essen, er sei ihr nächster Blutsverwandter und habe die Pflicht, bei ihr, so viel, als möglich, Vaterstelle zu vertreten, und sie werde sich auch bald bei ihm überzeugen können, dass er fest entschlossen sei, dieser Pflicht nach besten Kräften nachzukommen. Bei Weil habe sie nicht einmal die innere Befriedigung, ihm im Hause etwas leisten zu können, da er keine Kinder mehr zu Hause habe, sie müsste also bei diesem stets da» drückende Bewusstsein haben, dass es wirklich nur ein Gnadcnbrod sei, das er ihr zutheile; bei ihm aber könne sie, wenn sie wolle, sich im Hanse nützlich machen, wenn sie seinen Kindern in ihren Schularbeiten Beaussichrigung und Rachhilse angcdcihcn lassen wolle, da er, wie sie wisse, wenig zu Hause und seine Frau kränklich sei; er bemerke dieses indessen nur, wenn sie es thnn wolle, sie müsse nicht, cs stehe ganz und gar in ihrem freien Willen. Sie solle auch aus seine Kosten ihre Studien im Lehrerinscminare bis zu Ende sortsetzcn, für alle ihre Bedürfnisse, werde er väterlich sorgen. Therese hätte zwar viel lieber von dem Anerbieten Weil'» Gebrauch gemacht. weil sic wusste, bei diesem in eine gebildete Familie zu kommen, zudem sie auch schon zugesagt halte; ihr Oheim redete ihr aber so lange und so sehr zu Herzen und malte ihr die Beschämung und die Kränkung, die sic ihm durch ihre Absage zusügcn würde, mit so lebhaften Farben aus, dass sie cs schliesslich für Sünde hielt. seinem Wunsche nicht zu. willfahren. Sic versprach ihm also, im Falle Weil sie ihrer Zusage wieder entbinde, von seinem so freundlichen Anerbieten Gebrauch machen zu wollen. Er lies alsbald selbst zu Weil und machte ihm Mittheilung, dem dieser Widerspruch cmgcgenzusctzen sich nicht berechtigt glaubte, da Meier Rüben als Oheim allerdings einen näher« Anspruch auf die Ausübung dieser Liebcspsticht habe. Auf dieselbe Weife äusserre sich auch Well später Therese gegenüber, als diese ihn um Freigcbung von id'.er gemachten Zusage bat; jedoch unterließ er nicht, ihr zu sagen, dass, wenn die plötzliche 6Zrossmuthsanwandc!ung ihres Oheims sich, wie bei seinem Geize und seinen sonstigen Eigenschaften zu befürchten sei, nur als ein schnell verfiackcrndes Strohscncr zeigen nnd sie desshald Unangenehmes