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Der Israelit · 1887-09-01 · Heft 68 (1.9.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 68 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1241 zimmer trat oder vielmehr hüpfte. Eine gar liebliche, in ihrer kindlichen, natürlichen Munterkeit, doppelt fesselnde -Erscheinung, aus welcher der Blick eines Jeden, der sie sah, mit Wohlgefallen ruhte. Man mutzte bei ihrem Anblicke unwillkürlich an eine Roscnknospe denken, die die Pracht ahnen ließ, welche hier der Entfaltung entgegen ging. Ter Vater, der heute den israelitischen Schülern der Realschule Religionsunterricht zu crthcilen harte, war noch nicht zurück. Sie legte die Bücheruiappe in ihr Bücherschränkchcn und hielt Umschau im Zimmer. Da fand sie bald hier, bald dort schnell etwas zu ordnen und zurechtzustcllcn, was während ihrer Abwesenheit in Unordnung gerarhen oder anS der gewohnten Stelle gerückt worden war. Im Blumentische war ein durstiges Pflänzchen mit Wasser zu versorgen, dann wurde auch noch dem Barer das Hausmützchcn zurcchrgclcgt und Alles?,u_ seinem Wohlbefinden vorbereitet. Während denen kam der Vater, eine bildschöne, imponircnde Gestalt mit einem echten Eharakterkopse. Sie hüpfte ihur freudig entgegen und wurde dafür mit einem -Muffe belohnt. Sein Auge strahlte vor Wonne bei ihrem Anblicke. Er legte seinen Hut ab und liefe sich aus dem Sopha nieder. Sie nahm an seiner Seite Platz. »Was hast Tu heute in der Schule gelernt?" fragte der Vater. „Heute hat Tr. Soldan Unten ichtslehre vorgetragcu und sehr schön entwickelt, daß man beim Unterrichte sowohl, als auch überhaupt in der ganzen Behandlung der Schüler, stets so viel, als möglich ans die Individualität jedes einzelnen Schülers Rücksicht nehmen müsse." „Ein sehr wichtiges, sehr schwieriges und sehr altes Kapitel!" bemerkte der Larcr. „Wirklich?" rief Therese verwundert. „Gehört diese Lehre nicht erst der neuern Pädagogik an, die von Pestalozzi datirt?" „Rein, liebes Kind! Tiefe Lehre enthält ja «ne» so naheliegenden Erfahrungssatz, daß er Deukern nicht lange verborgen bleiben konnte und unfern Alten, die so viel Gewicht auf Erziehung imd Unterricht gelegt haben, gewiß nicht. Schon Salomo sagt: „Unterrichte den Knabcu nach seiner dermaligen Fähigkeit," Sprüche Salomo's 22, 6. Und fällt Tir aus unserer Pcßach-.Hagada nicht cm, wie unsere Weisen von vier verschieden gearteten Kindern sprechen, für welche die Bibel nuS über cinen und denselben Gegenstand vier verschiedene Bclebrungswciscn in den Mund legt? Und so llltze sich noch manches Hicrhergchörige aus den Schriften unserer Alten ausühren, welche dasselbe lehren." „Hm," sagte Therese nachdenklich, „unsere Alte« waren doch auch schon kluge Leute!" „Meinst Tu?" antwortete Tr. Rüben lachend. „Darum nennen wir sie ja auch unsere Weisen. Klugheit und Gelehrsamkeit sind keine Erfindung der Neuzeit. Man hat nur später solche Erfahrungslehren nach, und nach gesammelt, näher begründet und auSgeführt. selbst Erfahrenes und Erforschtes hinzugefügt und dieses Alles zu einem Systeme vereinigt, und das ist gut und das Verdienst späterer Zeiten; denn es erleichtert die Nutzanwendung." Da Dr. Rüben nicht weiter redete, legte Therese ihre Hand in die scinige und sagte, indem sie ihm in's Angesicht sah: „Haft Du nichts Neues erfahren, lieber Papa? Erzähle mir nun auch etwas!" „Daß Neugierde," antwortete der Vater lachend, „besonders eine Eigenschaft des weiblichen Geschlechtes ist, wußten unsere Alten auch schon; das hätte ihnen die Lebcnsgeschichte unserer Stammmutter Eva schon gelehrt, wenn die tägliche Erfahrung ihnen nicht gezeigt hätte, wie sehr dieser Fehler, oder, lvir wollen nur sagen diese Eigenschaft, sich auf die weibliche Nachkommenschaft derselben fortgccrbt hat. Tie Neuzeit ist in dieser Hinsicht noch zu keiner andern Ansicht gelangt. Ich werde Tir also schon etwas Neues erzählen müssen, wenn ich gut mir Dir auskommen will." „Ach ja, erzähle lieber Papa!" rief Therese lebhaft. „Aber Tu kommst doch immer gut mit mir aus» wenn Du auch nichts Neues erzählst. Das weißt Tn auch! Nicht wahr, lieber Papa? Tu machst doch nur Scherz?" Sie küßte dabei seine Hand. Er legte seinen Arm um sie und zog sie fest an sich, indem er einen Kuß auf ihre Stirn drückte. Mit der andern Hand fuhr er sich schnell über die Augen, daniit Therese die Türäne nicht gewahr werde, die ihm in diesem Augenblicke über die Wange rollte. War cS eine Wonnethräne über die neben ihm siycndc herrliche Tochter, oder war cs eine SchmerzenSthräne um die dahingefchiedene nicht minder herrliche Mutter derselben? Vielleicht Beides zugleich! ES trat eine kleine Pause ein. Tann sagte Tr. Rüben: „Ach ja, ich wollte Tir ja etwas Neues er»' zählen! Bei dem Bäcker Stock in der Obergaffe ist diese Nacht ciugcbrochen und sind ihm aus seinem, in der Wohnstube befindlichen Gcldpulte zweihundert Thaler gestohlen worden, während er und seine Frau in der, mit der Stube in Verbindung stehenden Kammer schliefen." „Und sie sind nicht darüber ausgewacht?" fragte Therese.

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