Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 58 (28.7.1887)
- Date
- 1887-07-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXYIIL Jahrgang. Beilage za N. 38 ües Israelit. Leitender Artikel. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Württemberg. Von einem Protestanten.*) Man weiß, dag jene unreine Bewegung, welche um die Wende unseres Jahrzehnts ein orthodorcr Geistlicher in Norddeutschland. gegen die Gleichberechtigung der Israeliten cinleirete, als eines ihrer Ziele den Ausschluß der nichtchristlichen Staatsangchörigcn von den önentlichcn Aemlern betrachtet und erklärt hat; man weiß auch, daß diese demagogische Agitation trotz redlicher Bemühung und versuchter Aufstachelung des NcligionshaffeS, des Neides und anderer unedler Leidenschaften gescheitert ist an der Eultur unseres Jahrhunderts, für welche so gut wie in den Tagen NeuchlinS und Huttens die Judenfrage einen Gradmesser bildet; unser Volk hat mit bcmcrkcuswerthcr Entschiedenheit es abgclchnt, sich von einem verblendeten Priester die Irrwege überwundener Zeiten führen zu lasten. Mit der Wahrnehmung dieser cnlturcll erfreulichen Erscheinung ließ auch die Eonnivcnz nach, welche der Bewegung da und dort aus maßgebenden 5t reisen entgcgenkam. Man überzeugte sich, daß daS, was sich Antisemitismus nannte, am die Toner politisch nicht fruchtbar war, und cs trat jene Erkaltung des amtlichen Wohlwollens ein, welche der antisemitischen Leere so gut wie der altkatholischcn ein langsames, aber sicheres Ende bereitet, und welche, wenn von Anfang an bethärigt, die Mißgeburt überhaupt nicht lebendig hätte zur Welt kommen lagen. Erfolglos wie der Angriff war, vermochte er in Norddeutschland, vor allem in Preußen, diesen» Mutterland deS verunglückte» Antisemitismus, keine einzige seiner Programmfordcrungen dnrchzuscycn und es ist darum in dem Grundsatz und in der Hebung, Israeliten, wenn sie den intellecruellen und sittlichen Anforderungen genügen, zu den Ltaatsämtcrn gelangen zu laffen, eine Aenderung nicht eingctreten. Auch im Königreich Württenrberg hat sich nichts geändert; nur ist der Unterschied der, daß hier die *) ÄuL bctn Stuttgarter Beobachter. antisemitischen Wünsche schon zum Voraus erfüllt sind: In Württemberg bedarf es nach wie vor zur Auitsanstellung außer Fähigkeitsnachweis und Prädikatszengniß noch eines Taufscheins und eines christlichen Stammbaums. Ter württembcrgische Staatsdienst verschließt sich dc»n Israeliten. Dir Thatsachc steht im Großen und Ganzen fest, wenn auch die Hebung und die Mittel, mn zu diesem erhebenden Nesultat zu gelangen, in den einzelnen TepartementS nicht durchgehend» die gleichen sind. Daß sic sämmtlich mit einer selten versagenden Sicherheit znm Ziele führen, soll ein kurzer Rundgang durch die heiligen Hallen des würItembergischeu Staatsdienstes bestätigen. Sehen lvkr uns zunächst mn in dern Ministerium des Innern: cs ist völlig intact, und strenggläubig; ein israelitischer Amtmann oder Lberregierungsrath ist für das gcrneinfchaftliche Amt, und sämmrliche Burcankratcn ob und m»ter der Steig ein undenkbarer Begriff und auch darum schon gar nicht zu wünschen, weil durch einen solche» möglicherweise eine Störung in dern liebgcwordenen Tempo der Geschäflsbehandlung und Jdccnentwicklung diese» Reports cintreten könnte. Das Kriegsdepartcmcnt sperrt sich Hennetisch ab, woraus dem jeweiligen Ehcf um so weniger ein Borwurf zu niachcn ist, als in „Ehrenfragen* bei uns so grit wie anderswo nicht das Ministerurthcil, sondern das Adclsvorurtheil maßgebend ist. Gleich umnüchtig scheint aber auch der Ehef des Untcrrichtsdcpartcmcnts in Württemberg seinen Untergebenen gegenüber zu sein. Unter den hundert und aber Hunderten von Lehrern der mittleren und höheren Lehranstalten soll und darf sich keiner finden, der nicht den christkirchlichcn Segen erhalten hat, und »väre er der fähigste Kopf und der beste Freund der Jugend. So lvill es. vom katholischen Kkrchcnrath gar nicht zu reden, das evarrgelifche Eonsistorium, und das ist heute vielleicht mehr als zur Zeit seiner Einsetzung ein allrnächtiger Herr im Unterricht von Württcinberg. Junner wieder von Zeit zu Zeit macht ein Bater, der gutgläubig genug, aber nicht rechtgläubig ist, wenn es seinen Sohn unter allen Bcrufsa»ien am meisten zum Lehrsach und zürn Studium der Philologie zieht, einen neuen Versuch und die alte traurige Erfahrung: „SSir bedauern* — lautet der stereotype Trost — „tolr würden gerne etwas thun, aber der Lehrkörper —