Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 57 (25.7.1887)
- Date
- 1887-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVIII. Jahrgan-. Settage zu A. 37 des Israeltt. Leitender Artikel. Eine Kv-Aetrachlung. Loa Dr. H. Sänger. CS gab Zeiten, sie liegen noch nicht weit hinter uns, da Gcsammtisrael, wenn der Monat Av hcrannahte, sein Haupt verhüllte, sich zurückzog von allen Vergnügungen, von aller Lustbarkeit, alle Freudenfeste unterlieg und trauernd gedachte -der Zerstörung seines HciligthumS und Jerusalems, der verlorenen Selbstständigkeit und der traurigen Zeiten der Verbannung und Zerstreuung. Teun hart und rauh wurde es durch die Wirklichkeit Tag für Tag an den groben Verlust gemahnt; cS wußte und fühlte, daß cs in der That noch im „Goluß" war. Da, auf cinulal, es lvar beim Beginne dieses Jahrhunderts, erhob es stolz das trauernd gesenkte Haupt, blickte freudig auf, entzog sich nicht nichr der Freude. Denn von nun an sollte ja alle Ursache dieser Trauer schwinden; das längst verlorene Land, die cingebüßte Selbstständigkeit, da« „Goluß" mit all feinen harten Couiequenzen sollte ersetzt werden durch die Gleichberechtigung und Gleichstellung. Nicht blos als Menschen, als Brüder sollten wir angesehen werden, wenn — wir unS nur gleichstcllen wollten. Ucberglücklich durch diese Aussicht, verbannte man die Trauer um den h. Tempel und Jerusalem, um Land und Selbstständigkeit, freute sich der Gegenwart, des Dasein«, der schönen Zukunft. Die Traucrzeit wurde abgcschafft; der 2ta nym nur noch als Erinnerung «tag betrachtet, als Akt der Pietät ein Festgottesdienst abgchalten; Trauer und Fasten aber für überflüssig, für unpaffend m>d unzeitgemäß erklärt. Das „Goluß" war ja zu Ende. Man fing an, sich gleichznstellcn. TaS Judenthum und fein Gesetz wurden rcforrnirt. Aber so radikal man auch vorging, cs war doch nicht radical genug, um die Gleichstellung zu erlangen. Den Namen Jude wollte man, konnte nian nicht anfgeben; das jüdische Gesetz mußte nominell bestehen bleiben, um dem Namen Jude Berechtigung zu geben, wenn man dabei auch das Gesetz vollständig ignorirte. Es war ganz glcichgiltig, ob man viel oder wenig rcformirte, ob man nur die mündliche Lehre, oder auch die schriftliche Lehre nicht als verbindlich erklärte; noch gleichgiltigcr war, ob man das oder jenes Gebet abschaffte, oder eia neues einführte. Die Hauptsache, die Gleichstellung wollte man sich erringen, aber doch immer auf jüdischem Boden. Das war aber gerade das Hinderniß. Tie Volker ließ und läßt es sehr gleichgiltig, ob wir Resormjudeu oder orthodoxe Juden heißen, ob wir modernen oder alten Gottesdienst haben; solange wir uns als Juden bekennen, können wir nicht ganz gleichgestellt werden, sind wir noch immer im Goluß. Hat Jemand wohl schon davon gehört, daß die Reformgemeinde in Berlin mit ihrem SonntagSgonesdicnst und Abschaffung der n&u von den Antisemiten bei ihren Angriffen nnd Gehässigkeiten ausgeschloffcn wurde? Lder hat Jemand schon das Lob der Ncformgemcinde von Nichtjuden singen hören? Tie Stuttgarter Juden erklärten einst: Stuttgart ist unser Jerusalem. jAber dieser Ansruf kennzeichneie die Stuttgarter immer noch als Juden. Die Antisemiten in Württemberg nennen die Stuttgarter Reformgemeinde die In den gemeinde und lieben sie um kein Jota mehr, als die Berliner Antisemiten die Neformgemcinde. In Ungarn sind die fortgeschrittenen Juden, die in ihrem Patriotismus alle echte Magyaren zu übcrtreffen suchen und die, wie z. B. in der Hauptstadt Pesth- Cfcn nur noch dem Namen nach Juden sind, die bestgehaßten Bürger. Rumänien hält sich für einen der modernsten, gebildetsten Staaten und viele Inden dort halten sich für nicht minder moderne Juden.' Aber auch der Neforrnjude ist dort vogelsrei. Don Rußland wollen wir schweigen, denn dort bat das Goluß nie ansgchört, nie nachgelassen, ungeachtet auch dort radicale Rcsormjuden in Menge vorhanden, welche den Beweis liefern wollen, daß sie nickt mehr im Goluß sind. Wenn wir so unsere Blicke die Welt durchstreifen lassen, so zeigt sich un« überall so ein Rest von „Goluß", zeigt sich uns. daß wir noch Ursache haben, um unser Land, um unsere verlorene Selbstständigkeit zu trauern. Noch mehr Ursache zur Trauer haben wir aber dadurch, daß unser Volk auf einem ganz falschen Wege sucht, sich Achtung und Anerkennung zu verschaffen. Tie Ernte, die cs aus der feit fast emem Jahrhundert ausgcstreu-