Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 50 (30.6.1887)
- Date
- 1887-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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905 Feuilleton. Z»ie Honvcrtltiii. Friedrich Rstt. (Fortsetzung.) . Alexander versprach den Rath des Geistlichen getreulich zu befolgen, sie besprachen noch einige Vorsichtsmaßregeln, dann wollte sich Herr von Lilienfeld entfernen. Der Pfarrer dielt ihn zurück. »Noch einen Augenblick, lieber Freund, cs fällt mir da noch etwas ein, auf was ich Sic doch aufmerksam machen möchte. In jüngster Zeit hörte ich häufig davon reden, daß nicht nur der Verwalter, daß auch die im Torfe wohnenden israelitischen Geschäftsleute, wenn sie von uns lfhristcn reden, mancherlei unziemliche Ausdrücke gebrauchen, wie Greuel, Abscheu n. dgl. Ich begreife sehr wohl, daß sich im Laufe der Jahrhunderte, in denen so manche Blätter der Geschichte von unschuldig vergoltenem Iudenblut rolhgcfärbt erscheinen, daß sich, sage ich, derartige Ausdrücke in die israelitische Volkssprache cingcschlichcn haben, Es ist das die Faust, die der Ohnmächtige in der Tasche ballt. — Aber, aber, wenn der Ohnmächtige die geballte Faust aus der Tasche zieht, so begeht er aberrnals mehr als ein Unrecht, nämlich eine colosiale Tummhcit. Suchen Sie, nachdem Sie den Löwenstein crpcdirl haben, Ihren Glaubensgenogen hier im Torfe dieses begreiflich zu machen und halten Sic sich überzeugt, datz auch ich mein Möglichstes thnn werde, meine Glaubensgenossen im Fannie zu Hallen. Halten wir uns an den Wahlspruch unseres allgeliebten Herrschers: viribus uniris. Unseren vereinten Mräftcn wird cs mit Gottes Hilfe gelingen, die Ruhe aufrecht zu erhalten." Mit herzlichem Händedruck trennten sie sich. Herr von Lilienfeld eilte heim, den empfangenen Rath ohne Verzug zur Ausführung zu bringen. Es war keine Kleinigkeit für ihn, mitten in der Feldarbeit des Sommers den Verwalter Knall und Fall zu entlassen. (Sr selbst verstand wenig von der Landwinhschaft und gebrach es ihm auch an Zeit, sich damit zu befassen. Aus dieser Verlegenheit half er sich für den Augenblick, indem er die überaus tüchtige Wittwc des frühem Verwalters, die gegenwärtig als Wirthfchafterin das Hauswesen aus dem Gute leitete, mit den Obliegenheiten der Verwaltung vorläufig betraute. Mir dem GurSverwalrer selbst glaubte er jedoch nicht in der ihm von dem Pfarrer empfohlenen schroffen Weise verfahren zu dürfen. Frau Kalmann, die Haushälterin, der er in jeder Beziehung volles Vertrauen schenkte, hatte versichert, daß sie den Verwalter einer absichtlichen Ungerechtigkeit nicht fähig halte. Wohl könne sein schroffes Wese» im Verkehr mit den Arbeitern diese gereizt haben, übrigens — »Nichts für ungut, gnädiger Herr — ich weiß, Sic meinen» gut und auch der Herr Pfarrer meint es gut, aber — verstehen nmß man ja doch, um was cö sich handelt. Man pflegt zu sagen, zu einem groben Klotz gehört ein grober Keil. — Ra, wenn man die Arbeiter mir Glacehandschuhen anfaffen wollte, käme man nicht gar weit mit der Arbeit. Ich sage Ihne», rechtschaffen ist der Löwenstein." Alexander hatte in der Unterredung mit dem Verwalter eine ähnliche Anschauung gewonnen, er thciltc ihm jedoch mit, wie der Geistliche sich geäußert und erklärte cs als dringend nothwendig, daß Löwenstciu mit seiner Familie noch vor Einbruch der Rack: das Gut Verlage, wofür er ihn in entsprechender Weise zu entschädigen versprach. Der Verwalter hatte diese Aittheilung schweigend entgegengenomme»: ihm war die unter den Arbeitern herrschende Stimmung nicht fremd, und erklärte er sich sofort bereit, der Anforderung deS Gutsherrn zu entsprechen. Es war gegen Abend, im Torfe läutete die Despcrglocke, die Arbeiter kanrcn eben heim aus den Feldern, als vor der Wohnung des Verwalters der Wagen hielt, der ihn und seine Familie der Eiscnbahustarion zuführen sollte. ' Herr von Lilienfeld, bei dem sich der Verwalter bereits verabschiedet hatte, stand in seinem Zimmer am offenen Fenster und sah hinunter in den Hof, in dem sich eine Anzahl Arbeiter versammelt hatte, die mit neugierigen Blicken den Wagen betrachteten. Ein Koffer war hmaufgehobcn, jetzt kam Frau Löwenstein mit ihrem jüngsten Kinde im Arm, ihr Gatte folgte mit dem altern Knaben an der Hand. Frau Löwenstein war sehr bleich, mit ängstlichen Blicken musterte sie die Umstehenden, während sie in den Wagen stieg. Ein Gemurmel entstand unter den Arbeitern. Ter Verwalter hob den Knaben in den Wagen und war eben im Begriffe gleichfalls einzusteigen, als das bisherige Genmrmel in laute Flüche und Drohungen umschlug. »Er will entfliehen," schrien einige. »Haltet ihn!" schrieen Ändere. Löwenstein suhlte sich von einigen Fäusten gehalten, denen sich zu entziehen er sich umsonst bemühte. Seine Frau stieß einen gellenden Angst-