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Der Israelit · 1887-06-27 · Heft 49 (27.6.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 49 (27.6.1887)
Date
1887-06-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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8S& Feailleto». Aie ßonvertilin. Po- Friedrich Rott. (Fortsetzung.) 19. Kapitel. Unmittelbar nach der Abreise seiner Angehörigen hatte sich Alexander zu dem Ortsgeistlichcn begeben, den er als einen humanen, wohlwollenden Mann kannte. „Ah, Herr von Lilienfeld! Grüß' Lie Gott!" rief der alle Herr, indem er seinem Besuche mit ausgestrcckter Hand cmgcgencilte. Herzlich drückte Herr von Lilienfeld die ihm dargebotene Rechte. »Wie steht das Lcsindcn, Hochwürden?" »Danke für die Nachfrage. Man muß halt zufrieden sein, wie eS Gott der Herr Einem zucrtheilt. Jünger wird man nicht," „Aber nach dem Aussehen zu urtheilcn, sind Hochwürden auch nicht älter geworden." Der Pfarrer zuckte die Achseln. „Lassen wir das, lieber Freund, wie gesagt, man muß eben zufrieden sein, wie es Einem beschcert wird. Aber aufrichtig freut es mich, daß wir wieder einmal das Vergnügen haben, unfern lieben Herrn von Lilienfeld bei uns zu sehen. Beabsichtigen Eie längere Zeit hier zu verweilen?" „TaS eben möchte ich mit Ihnen, Hochwürdcn, überlegen." „Gehorsamer Diener — fühle mich sehr geehrt, daß Herr von Lilienfeld Werth auf-meine Ansicht legen." „Das wissen Lie längst, hochwürdiger Herr." „Fühle mich längst dadurch geehrt," erwiderte der Pfarrer lächelnd mit abermaliger Verneigung, „indessen wüßte ich — „Ich bitte um Entschuldigung, daß ich unterbreche, aber meine Angelegenheit iss dringend. Ich habe soeben meine Familie zum Bahnhof begleitet." „Daran haben Lie sehr recht gethan," sagte der Pfarrer mit cigcnthümlicher Betonung. Alexander blickte ihn betroffen an. „Hochwürdcn wissen? —" Ter wackere Geistliche zuckte die Achseln. „Ich weiß, daß Lie in sedem Falle recht gethan haben. Ihre Familie von hier fonzuschickcn — nur mimen Lie es dabei nicht bewenden lassen, Lie müssen noch Andere fortschicken." „Z. B. den Verwalter, den Löwenstein?" „Z. B. den Löwenstein. Muß Ihnen sag.n, Herr von Lilienfeld, es freut mich aufrichtig, daß Sie von selbst darauf gekommen sind, den fortzu« schicken." „Ich bin nicht von selbst darauf gekommen," sagte Alexander, indem eine leise Röthe sein Antlitz überzog, „ich bin darauf aufmerksam gemacht worden." „So? — und durch wen? — wenn man fragen darf." Einen Augenblick zögerte er, dann aber sprach er, während die Röthc in seinem Angesichte stieg. „Tie Gouvernante meiner Schwestern machte mich aufmerksam, daß der Verwalter sich ungemein schroff und unfreundlich gegen die Arbeiter zeigt." „Hm — sie sprach nur von Unfreundlichkeit? —" „Sie glaubte auch gehört zu haben, daß man ihm Unredlichkeit zur Last legt." „Daun hat die junge Dame dasselbe gehört, was auch mir zu Ohren gekommen ist, und —" „Und?" — wiederholte Alexander, als der Pfarrer zu zögern schien, „ich bitte sehr, hochwürdiger Herr, thcilcn Sie mir gefälligst Alles mit, was Sie winen." Ter Pfarrer wiegte bedächtig das von spärlichen weißen Haaren umrahmte Haupt. „Was ich weiß, ist sehr wenig — ich habe Ihnen das eigentlich schon gesagt — waS ich jedoch fürchte, ist sehr viel und —" er rieb sich mit feiner vollen Hand die hohe noch ungcfnrchtc Stirn „cs läßt sich da« auch nicht so eigentlich dcsinircn. — Sehen Sie, mein lieber Herr von Lilienfeld, wir leben in einer eigenthümlichen Zeit — aus dem Lande, in dem Eultur und Fortschritt ihre höchsten Blüthcu treiben, ist uns ein gar seltsames Beispiel dcss. g. Fortschrittes gekommen. — Ich habe einmal die Behauptung eines berühmten LchrifistcllerS gelesen, daß der Gradmcncr der Eultur eines Volkes in feinem Verhalten gegen die Israeliten sich zeigt. Diese Behauptung hat mir gefallen, ich sage Ihnen, sie hat ihre Berechtigung — und dennoch — könnten wir unfern hochgebildeten Nachbarn jegliche Eultur adsprechen? — Nach obiger Behauptung müßten wir das eigentlich, denn ein Volk, das seinem hochgestellten Geistlichen.... Doch lassen wir diese Abschweifung, ich sehe cs Ihnen an. Ihnen fehlt heute die Geduld mir znznhörcn — aber ich wollte Ihnen nur beweisen, daß wir zu fürchten haben, wenn wir auch unsere Befürchtungen nicht in Worten auszudrückcn wissen. — Das Beispiel der hochcivilisinen Hauptstadt Jan der Spree ist wie Zunder unter die russische Land-

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