Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 46 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVffl. Zahrgcmg. Erste Beilage zuKr. 46 -es Israelit. Leitender Artikel. ZugendKKtüre für jüdische Kinder. Frankfurt a. M., im Juni. Mannigfaltig und zahlreich sind die einzelnen Momente, die die (Entwickelung und Gestaltung unserer geistigen Richtung und Gesinnung dceinflunen, darunter ist nicht das am wenigsten bedeutungsvolle die Anregung und Belehrung, die wir durch das Lesen empfangen: Je mehr das ganze rege und bewegte Leben unserer auf allen Gebieten geistigen Ringens und Schaffens so weit vorangeschrinencn Zeit in einem reichen Schrifuhum pulsirt, desto mehr wird die Geistesnahrung, die durch Lektüre uns zugcführt wird, ein allgemeines Bedürfnis. Wir meinen wenigstens heute zuweilen, wir könnten die Zeitungen und Bücher zu unserer geistigen Erfrischung und Ernährung ebensowenig entbehren, wie zur Erhaltung unseres Körpers die körperliche Rührung. Aber cs ist eine alte und bekannte Erfahrung: je wohlthäriger eine Sache zu tvirken im Stande ist, desto schädlicher kann sie bei mißverstandcuer und verkehrter Anwendung sich zeigen, lind das ist mit dem Lesen gewiß nicht anders. So nennen wir bekanntlich die Zeitungen, um den großen Einfluß, den dieselben auf die öffentliche Meinung auszuübcn fähig sind, die sechste Großmacht. Und wie unheilvoll diese Großmachtstellung derselbe» in mancher Beziehung sich geltend machen kann und in vielen Fällen, namentlich bei der Besprechung derjenigen Fragen, die von den gewöhnlichen Tagesereignissen abseits liegen, sich auch thalsächlich geltend macht, davon har man in der Regel gar keine richtige Borstcllung. Ganz besonders wird dies auf dem Gebiete religiösen Lebens empfunden. Es ist eine nicht gerade erfreuliche Erscheinung unserer Zeit, daß in vielen unserer einftußreichsten Zeitungen und Zeitschriften durchaus atheistische Ansichten vorherrschen. Da wird über die biblischen Lehren und über den Gsttesglanden in vornehmer Geringschätzung der Stab gebrochen: eine materialistische Welrauffaffung liegt allen Anschauungen zu Grunde, der Tarvinismus in der Form, in der feine jüngsten Vertreter ihn aufgebauscht haben, und andere oft in lächerlicher Weise bis zu kühner, schwindelnder Höbe ausgebaure Hypothesen werden in Feuilletons und Leit- > artikcln als unbestreitbare Wahrheiten verkündet, und wer daran zu zweifeln wagt, der gilt als ungebildet. Mir sagte einmal eine Dame, die eifrige Leserin einer bekannten, weitverbreiteten, aber ebenfalls solcher Richtung huldigenden Zeitschrift war: „Wer diese Zeitung nicht liest, den rechne ich nicht zu den Gebildeten." Aber das Schlimmste ist, daß man es nicht allein zur Bildung nothweudig hält, derartige, eine hervorragende Stellung einnehmende Blätter zu lesen, sondern, daß gar viele Halbgebildete und manche Gebildete meinen, es gehöre zum guten Tone, Alles für haare Münze hinzunehmen, was in populärer Form als unbestreitbare Wissenschaft hier mit apodiktischer Sicherheit dargestcllt wird. Aus diesem Grunde, weil durch Lektüre nicht allein das Volk erzogen und veredelt, sonder» weil dadurch anderseits auch die ganze Volksseele vergiftet und Religion und Sitte durch schlechte Lektüre untergraben werden können, haben cs Fortbildungs- Vereine überall in die Hände genommen, für eine Auswahl guter und nützlicher Bücher zu sorgen, und Bolksbibliothelen machen die wahrhaft lesenswerchcn Schriften dem großen Kreise der lesenden Welt zugänglich. — Was für die Erwachsenen gilt, das ist natürlich in weit höherem Maße für die Jugend gesorgt, denn für die Zugcnd, für die bekanntlich nur das Beste gut genug ist, ist schlechte Lektüre doppelt gefährlich. Es ist deshalb eine pädagogische Forderung, daß wir äußerst sorgfältig bei der Wahl derjenigen Bücher verfahren, die wir unfein Kindern in die Hand geben, und namhafte Pädagogen haben in richtiger Würdigung der Rothwcndigkcil dieser Forderung Sammlungen der besten und gediegensten Zugendschnsten herausgcgeben. Auch verschiedene Lehrervercinc haben, um die Jugend vor der Gefahr zn bewahren, nach dem ersten besten Buche zu greisen, eigene Eommissioncn bestellt, die ältere und neuere Schriften prüfen, eine Anzahl bcncrer Werke der Literatur ihren Mitgliedern und anderer Interessenten namhaft machen und den Titeln Heine bloten oder anch Bcunhcilungcn beifügen, um dadurch die Auswahl der Werke zu erleichtern. so z. B. der Schweizer, der Trcsdeucr, der Breslauer und der Frankfurter Lehrerverein. Was ist aber spcciell für unsere jüdischen Kinder in dieser Beziehung bis jetzt geschehen V Meines Wissens noch gar nichts. Ein Hauptmangel, der