Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 44 (9.6.1887)
- Date
- 1887-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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784 Rußland. Tiflis im Kaukasus, .cyo (Und ihr werdet nur in ganz geringer Zahl Zurückbleiben. Deuteron. GL 28, V. 62.) Dieser Bibelvers findet seine volle Bestätigung in der circa 600 deutsche Meilen östlich von hier und nur 70 Meilen von der chincstschen Grenze entfernt gelegenen Stadt Khokand. die zwar der Siy eines eigenen Emirs oder Khans ist, aber dennoch schon als zum russischen Reiche gehörend betrachtet wird, da deren Fürst gleichsam ein Basall unseres erhabenen Herrn und Gebietes des Ezar Alexander II. (rrr) ist. Diese Stadt liegt in dem gleichnamigen Khanat und zwar am Syr-Darjastrome, der nördlich fließt und sich in den Aralsee ergießt. Tie Bewohner des Khanats bekennen sich zwar insgcsammt zum Islam und sprechen sie gleichfalls, wie die Bewohner der Khanate Kbiwa und Bokhara das sogenannte Tsayakai lOsttürkischc), in Betreff ihrer Gesichtsznge jedoch nähern sie sich schon den Ehincsen, mit denen sie auch einen Thcil der Tracht und viele Sitten und Gebräuche gemein haben. Noch vor zwanzig Jahren wagte kein Ehrist das Gebiet von Khokand zu betreten, da er sicher war, daß die fanatische Bevölkerung daselbst ihn um einen Kopf kleiner machen werde und noch heute wagt cs kein Rüste in dem Hause eines Khokandcrs zu übernachten oder mit ihm allein übers Feld zu gehen. Und unter diesen wilden Fanatikern cristirl eine kleine jüdische Gemeinde, die noch dazu mit der Bevölkerung daselbst im besten Einvernehmen lebt und sich auch materiell wohl befindet. Welch ein Schutzengel muß doch unser Volk überall hin begleiten, daß cs sich so unter allen Böllern und unter allen Himmelsstrichen niederlauen und erhalten kann? m** *2 •Tim ^22 “pscV Die Stadt Khokand ist eigentlich gar nicht alt, da sic erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erbaut wurde, und dürfte sie heute erst hundcrtundvierzig Jahre zählen. Aber gleich mit den ersten Häusern daselbst tauchten auch schon die ersten Juden dort auf, die. thcils aus den benachbarten Ortschaften, thcils aus den Khanaten Khiwa und Bokhara kamen. Cie erbauten sich vor Allem hier eine Synagoge, die sie \2zr2 nannten und um die herum sic daun ihre Wohnhäuser, kleine, niedrige Gebäude, die alle nach der Gaffe zu blind, d. h. ohne Fenster sind, erbauten. Tie Fenster befinden sich eigentlich in den Hofwänden des Hauses und bestehen sie zumeist aus einem hölzernen Gktterwcrk, hie und da fehlt aber auch dieses und wird dann in der Nacht die Frnsterönnung mit einem Holzklotze oder einem schweren Steine verstopft. Die Thüren der Wohnhäuser sind sehr niedrig und muß man sich fast bücken, wenn man in ein Zimmer tritt. Ter Fußboden ist gewöhnlich mit Lehm bedeckt, bei den Reichen hingegen mit glasirten Ziegeln, auf denen man im Winter ein großes Feuer auzündet, damit es diese Ziegel erwärme. So sind die Häuser in Khokand gebaut und machen natürlich die der Juden keine Ausnahme von der Regel. Dazu muß man noch wissen , daß der Khokandcr ungemein stolz auf seine Vaterstadt ist, die er ihrer wahrhaft schönen Lage und Umgegend und auch ihres gemäßigten Klima's halber „El-Latis", d. h. die Angenehme, Liebliche nennt. Und in der Thal, will der Landsmann im Khanate Khokand einige Tage recht flott leben, so besucht er die Hauptstadt, wo cS Gcnüpe und Freuden in Hülle und Fülle gibt. Auf dem Marktplatze dajclbst bekommt er die herrlichsten Leckerbissen. Fische aus dem nahen Syr-Darja. in Olivenöl gebraten. Törtchen, in Hammelfctt gebacken, Reis, in sauerer Milch gebacken und mit gestoßenen Nußmandeln bestreut, dann noch verschiedenes anderes Fleisch-, Back- und Naschwerk, daß es seine Art hat. Auch gibt cs in und vor der Stadt mehrere große öffentliche Gärten mit schattigen Alleen und Lauben, wo man dann auf dem grünen Rasen lagern und dabei eine Eigarrc schmauchen, zugleich aber auch ein Tövschcn Houigwasser oder Schcrbct trinken kann. Märchenerzähler, Gaukclspiclcr, Sänger, Schlangenbeschwörer rc. sorgen unterdessen für den geistigen Unterhalt. Khokand ist daher eine Art asiatisches Paris. Auch die Juden Khokands sind mit ihrer Vaterstadt äußerst zufrieden, weil dieselbe einen blühenden Handel betreibt und auch die Lebensmittel äußerst billig sind. Ihren großen und lebhaften Handel verdankt die Stadt Khokand zumeist dem Syr-Tarja, an dessen linkem User sie liegt und der hier schon schiffbar ist. Aber auch die nahe chinesische Grenze tragt sehr viel zu dem schwunghaften Handel dieser Stadt bei, da viele Khokandcr in Ehina Eomptoirs und Niederlagen besitzen, die sic mit russischen, englischen und deutschen Fabrikwaarcn versorgen. Das Jndcnvicrtcl Khokands (Ka!at-i-Iehud) liegt ganz in der Nähe des Syr-Darja, und zwar auf dem linken Ufer desselben, während ein Thcil der den Juden gehörenden Frucht- und Weingärten am rechten Ufer liegt. Eine Schiffbrücke verbindet hier beide Ufer mitsammen. 'Auch gibt es in Khokand mehrere jüdische Schiffer, die thcils den Verkehr zwischen beiden Ufern daselbst, theils aber auch mit den benachbarten Städten besorgen. Ihre Boote sind gewöhn-