Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 42 (2.6.1887)
- Date
- 1887-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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747 Sie hörten Marina in der That, die wiederum mit hastigen unregelmäßigen Schritten in ihrem Zimmer aus und niedenvandelte. Aus einige Minuten hatte die Unterhaltung mir den Bindern sie zerstreut, aber nur aus einige Minuten. — Hnaushaltfaul gährte und tobte es in ihrem Innern, fort und fort. TaS, was jedem Menschen als Höchstes, als Heiligstes gilt, um das hatte man sie dettogcn! — haue das einzige Erbe des unmündigen Kindes ihr geraubt! — Händeringend schritt sie auf und nieder und wiederum stüsterte sie in dumpfer Verzweiflung, „o ÜJott! o (flott! warum hast Tu das Melassen?- Die Religion, in der sie geboren, kannte sie nicht genau, doch was sic in 'jüngster Zeit durch den Religionsunterricht ihrer Schülerinnen davon vernommen, erschien ihr hehr und heilig, während die Religion, in der sie erzogen worden, sie stets mit Zweifel erfüllt hatte. Was sollte sie nun beginnen? — war sie Jüdin? — war sie Ehristin? — Wenn sie nur einen Menschen gewußt hätte, dem sic ihr grauenvolles Geschick hätte enthüllen können, den sie hätte fragen können, wohin sie sich zu wenden hätte. — Frau von Lilienfeld war ihr freundlich gesinnt, das wußte sic. Aber sic wußte auch, daß sie für alles Religiöse wenig Sinn hatte, bei ihr konnte sie nicht auf Verständniß rechnen. Wenn sie sich an Herrn von Lilienfeld hätte wenden können? — Tuukle Gluth überzog bei diesem Gedanken ihre Wangen. — So viele wandten sich an ihn so vielen half er durch Rath und That — o gewiß, er würde ihr rathcn. — Lb er aber die als Jüdin Geborene, als Ehristin Erzogene zur Erzieherin feiner Schwestern geeignet halten würde? — Sie zweifelte. — lhib was dann? — wenn, sic ihren Posten Härte verlassen müssen, stand sie vollständig hilflos in der Welt, hatte nicht einen einzigen Menschen, an den sie sich hätte wenden können. — Rein, nein, das durfte sich nicht riskiren, tief in das Innerste ihres Herzens mußte sie ihr Geheimnis verschließen, Riemand durfte es ahnen. Allmählich war sie doch ruhiger geworden, aber hin und wieder erfaßte sie ein Grauen vor sich selbst. »Abtrünnige!- murmelte sie, ^Abtrünnige!- freilich nicht durch eigene Schuld, aber tharlachlich war sie doch eine Abtrünnige. Ter Morgen graute schon, noch hatte sie nicht an's Schlafen gedacht, da übcrkaut sic plötzlich eine unwiderstehliche Müdigkeit; ohne sich zu entkleiden, warf sie sich auf das Bett und entschlummerte sofort. Trotz der nahezu schlaflos verbrachten Nacht war sic dennoch früh am Morgen wieder munter, und seltsam, die heftige Erregung des gestrigen Abends und der verflossenen Nacht war nicht nur vollständig geschwunden, sondern hatte sogar einer innigen Befriedigung Platz gemacht, hatte sie sich doch selbst wiedcrgcfunden. Wohl erfüllte auch jet't noch tiefer Abscheu über das an ihr verübte Verbrechen ihr Herz, aber vor sich selbst empfand sie kein Grauen mehr. Rein, sie war keine Abtrünnige, war keine Uebergetrctene, das Tauswaffer, das jener Priester auf ihr Haupt gesprengt, hatte ihre jüdische Geburt nicht verwischen können. Zwar wußte sie nicht, wie ihre Umgebung diese Thalsache beunhcilen würde, und darum schwur sie sich, sie nimmer zu entdecken. Mochte sie immerhin als Ehristin gelten, sie betrachtete sich als Jüdin, und wollte fortan als Jüdin leben. Im Hause der Frau von Lilienfeld war ihr dieses ein Leichtes. 14. Kapitel. Tie ersten Tage des Festes waren in heiterster Weise verstrichen. Es war um die Mittagszeit des ersten Halbfeiertages, als Marina mit ihren Schülerinnen kn das Speisezimmer trat, Frau von Lilienfeld und ihr Sohn waren noch nicht gegenwärtig, aber der Hunger hatte die Kinder bcme etwas früher als sonst hcrcingelockt, und die Gouvernante haue ihrem Drängen nachgegeben. Ta trat ein Diencr in das Zimmer und überreichte Marina einen an sie adressirten Brief. Tankend empfing sic das Schreiben und erbrach es, doch kaum hatte sie einige Zeilen desselben gelesen, als sie einen Schrei aussticß und leichenblaß, an allen Gliedern bebend, wäre sie zu Boden gestürzt, hätten nicht die erschreckten Kinder sic umschlungen und aufrecht erhalten. »Fräulein! Fräulein! um Gotteswillen, was ist Ihnen?- riefen beide, wie aus einem Munde. In deursclben Augenblick trat Frau von Lilienfeld in das Zimmer. »Hilf, Mama, hilf, Fräulein wird fallen!- Erschreckt trat Frau von Lilienfeld herbei, umfaßte die Zitternde und zog sie in einen Sessel nieder. »Was ist Ihnen liebes Fräulein? — Ein Glas Wasser!- rief sie den .Kindern zu. »Ist das plöylick, gekommen?- wandte sie sich au Zosesine, während Gabriele aus der Wasscrkaraffe ein Glas füllte.