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Der Israelit · 1887-05-26 · Heft 41 (26.5.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 41 (26.5.1887)
Date
1887-05-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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723 Und plötzlich war es ihr, als sähe sie im fernen Hintergründe ein ärmliches Stübchen vor ihren suchenden Blicken auftauchen. — Es hatte auf den ersten Blick keine Achnlichlcit mir dem Salon, in dem sie sich befand — und doch — und doch — Statt des strahlenden Gaslüstres, der hier nahezu Tageshclle verbreitete, sah sic dort in zackiger Mcssingbängclampe sieben Lelflämmchcn flackern. — Auf dem Tische in dem Stübchen erglänzte kein Silber, aber in gläsernen Näpfchen erblickte sie dieselben Kräuter, wie hier in silbernen Schalen und auch ein Knochen und ein Ei, ganz so wie hier — und von' einer Serviette verhüllt auch ungesäuerte Brode und in grünlichen Weingläsern gewahrte sie rothen Wein. Und an dem Tische in jenem Stübchen fasten drei Menschen, ein Mann, eine Frau und an der linken Seite des Mannes ein kleines, ganz kleines Mädchen, das neugierigen Blickes zu dem Manne emporschaute. Ta nahm der Mann eines von den ungesäuerten Brodcn, zerbrach es, schlug die eine Hälfte in eine Serviette ein und legre die Serviette mit dem ungesäuerten Brode einen Moment ans seine Schulter, indem er sich zu dem Kinde hernicdcrbcugte. „Siehst Tu, Nosi," sagte er, „so sind die Kinder Israel aus Aegypten gezogen." Marina fuhr zusammen und preßte beide Hände an die Stirne. „Rost!" murmelte sic, „Nosi!" Sic hatte längst nicht mehr auf das geachtet, was um sic vorging, hatte längst die Worte des Vortragenden nicht mehr vernommen und harte auch ilicht gewahrt, daß sämmtliche Anwesende sich die Hände gewaschen und von dem ungesäuerten Brode und den Krämern gcnopcn hatten. „Was ist Ihnen. Fräulein V" fragte Frau von Lilienfeld, die den jähen Farbcnwcchsel des jungen Mädchens schon seit einiger Zeit beobachtet hatte, „Sie scheinen sich nicht wohl zu fühlen." „Ein plötzlicher, vehementer Kopfschmerz," flüficne Marina, indem sie sich nicht ohne Anstrengung erhob, „ich must um Entschuldigung bitten.* „Man sicht es Ihnen an, daß Sic Kopfschmerzen haben," sagte Frau von Lilienfeld, „da ist es Ihnen hier zu hell und zu geräuschvoll. Legen Sie sich in Ihrem Zimmer nieder, ich schicke Ihnen das Essen hinaus." Marina murmelte einige ablchncndcu Daukesworte und wollte schwankenden Schrittes das Zimnier verlassen. Die Kinder, erschreckt durch ihr leidendes Aussehen, wollten sie hinauf geleiten, doch sie bat so dringend, sie möchten am Tische bleiben, daß sie fürchteten, ihr durch ihre Gegenwart lästig zu werden. Schwankenden Schrittes verließ Manna den Salon, schwankenden Schrittes eilte sie ihrem Zimmer zu, don aber brach sie in wildes convulsivisches Schluchzen aus. Wie ein dichter Nebelschleier war eS plötzlich von ihren Augen gefallen, mit freiem, klaren Blick schäme sie zurück bis in ihre früheste Kindheit, und was sie nie geahnt, urplötzlich war es ihr zur Gewißheit geworden. Mit vollster Gewißheit wußte sie, daß sie mit ihren Eltern einst am Leder gesessen, mit vollster Gewißheit wußte sie daher, daß sie als Jüdin geboren war. Seltsam, seltsam, nie hatte sie wieder daran gedacht, und nun mit einem Mal 'war ihr Alleklar — so klar — entsevlich klar! — Tcutlich erinnerte sie sich, daß während der schweren Krankheit ihres Vaters, ihre Stiefmutter sie in ein entlegenes Haus geführt und sie dort der Kammerfrau, der Gräfin Walewska und dem Pater Anselms übergeben hatte, deutlich erinnerte sie sich auch, daß der Pater ihrer Mutter eine Anzahl Banknoten übergeben hatte. — Damals hatte sie das gesehen, doch wenig beachtet — jetzt erkannte sie cs klar. Es war der Kaufpreis für ihre verschacherte Seele! — Händeringend blickte sie empor zum sternbesäctcn Abendhimmcl. „Gott!" schluchzte sie, „Gott! warum hast Du das zugelasscn?! —" Und wie klar war ihr nun Alles — Alles. Wob! erinnerte sie sich, daß man ihr gesagt hatte, auf Wunsch ihres Vaters wäre sie zur Gräfin gebracht, auf Wunsch ihres Vaters dem Kloster übergebe» worden. — Jetzt wußte sie, daß das Lüge gewesen war, schmähliche, entsetzliche Lüge! — Ihr Vater, der mit ihr am Seder geseffeu, der ihr gezeigt harte, wie die Kinder Israel aus Aegrrpren gezogen waren, der hatte nimmer ge» wünscht, daß sie dem Kloster übergeben werde, der hatte sicher nicht einmal eine Ahnung davon gehabt — er' war ja damals todtkrank gewesen. Damals hatte man sie täuschen können» o wie leicht, — aber jetzt, jetzt — jetzt durchschaute sie Alles! -

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