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Der Israelit · 1887-05-12 · Heft 37 (12.5.1887) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 37 (12.5.1887)
Date
1887-05-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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in dieser Weise, den auf Ihnen ruhenden Verdacht am kräftigsten. Wenn Sie meine Proposition annehmcn, können Sie nichts verlieren, nur gewinnen. Lehnen Sie ab, muß ich Sie erschießen kaffen, acccptiren Sie. so seven Sic wohl auch Ihr Leben ein, aber Sic können cs bei uns weit bringen. In der republikanischen Armee kennt man keine Verdienste der Geburt an und auch das religiöse Bekenntniß bildet kein Hinderniß zum Fortkommen. Sie sind ja Ihrer Abstammung nach ein Franzose; wenn Cie Ihrem Vatcrlande dienen und einem vernünftigen erreichbaren Ziele zusrrcben, werden Sic wieder von Neuem Lust am Leben gewinnen. Freilich, ich kann Ihnen, zu Ihrer Entschließung, die doch in der Thal kein langes Bedenken erfordert, nur eine sehr kurze Frist gönnen .... Wollen Sic in mein Ncgimcnt cintrctcn — oder soll ich Sic erschießen kaffen 't mais, vite, vite, s’il vons plait I“ Ich starrte dem Lbristcn gedankenlos ins Gesicht. Es war wieder, wie so oft in meinem Leben, das Ilnerwarteteste cingetreten. Ich war wie sinnverwirrt, ich vermochte keinen Entschluß zu faffen, nicht zu antworten, da mischte sich ein Dritter, der in meiner Aufregung, von mir unbemerkt ins Zimmer getreten und Zeuge der ganzen Verhandlung gewesen, in diese. Es war Herr Goudchaud," der General deutete unwillkürlich mit der Hand aus jenen, und er sprach zu nrir, „Sic scheinen von der großnttttdigcu Proposmon des Herrn Obersten so überrascht, daß Sic sich nicht zu fassen vermögen. Ich als älterer iUaim, als Ihr Landsmann 1111b Glanbcusgcuoue, — mein Vater war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Metz — sage cs Ihnen — und Ihr bester Freund und Ihr eigener Verstand kann Ihnen nicht anders ralhcn, als den Antrag des Herrn Obersten Nansouly anzunchmen. Sic erfüllen hierbei nur Ihre Pflichten; — als Mensch jene der Sclbsterhaltung; als Franzose, indem Sic Ihrem Vatcrlande Ihre Kräfte widmen. — Ich haue mich bis vor wenigen Minuten als der Verlassenste auf Gottes Erdboden gefühlt, und nun trat mir unerwartet ein Landsmann und Glaubcnsgcnonc näher und auch der Oberst zeigte mir wohlwollendes Entgegenkommen. Mir war es als hätte sich, plötzlich Gott meiner erbarmt, die ganze Welt,- die mir trostlos und sinster erschienen, schien mir plötzlich licht zu werden. Ich war ja doch ein drcinndzwailzigjährigcr Mann, die Lebenslust, die ich völlig enödret glaubte, begann sich wieder von Neuem zu regen. — Ich fühlte mich wie ncnbclcdt, ich konnte wirdrr denken, schließen, unheilen, Entschlüsse faffen. Ern einziger Moment vermag bei cincm Menschen eine totale Sinnesänderung zu bewirken, und ich benrlbeilte alle Tinge anders als fünf Minuten früher. Ein Zurückwenen des offenbar gutgemeinten und vernünftigen Vorschlages erschien mir als ein Akt brutalen, rechthaberischen Trotzes, nicht nur dem OberstenNausouly gegenüber, sondern weit mehr als daS; als eine Attslchnnug gegen den höchsten Herrn, gegen meinen Schöpfer, gegen Gott, der mich so wunderbar an? den Händen meiner Feinde gerettet und vordem Ertrinkungstode bewahrt hotte. Uugcsucht drängte sich mir die Uedcrzeugung auf, daß es ein Verbrechen wäre, wenn ich muthwillig, zwecklos mein Leben opfern wollte. Zu alledem trat noch die plötzlich mit großer Heftigkeit erwachte Liebe zu meinem wiedcrgewonnenen Vaterlande, da? mich gleichberechtigt mit allen andern feiner Staatsbürger anerkennen, mich als seinen Sohn annebmen wollte. — Bei meiner geänderten Gcmürhsstimmung konnte ich nicht länger schwanken, und ich erwiderte: „Herr Oberst, ich nehme Ihren Vorschlag an, ich trete in die Armee meines Vaterlandes, und will ihm dienen mit allen meinen Kräften." Diese Stunde war die entscheidendeste in meinem Dasein, ihr danke ich mein Lebensglück. Wäre ich nicht in die Armee meines Vaterlandes cingcrreten, ich wäre gewiß nie nach W. zurückgekehrt; ich wäre Dir nie begegnet, und Sara — ohne Dich wäre ich nie auf Erden glücklich geworden!" „Mein thcuercr, treuer Michaeli" rief Sara in übcrstromendcr Empfindung an feine Brust stürzend. „Ich habe," fuhr sie nach einer kurzen Panse fort, „das eigemhümliche Gefühl, als wenn ich wachend bei vollem Bewußtsein einen herrlichen Traum träumte! Noch nie in meinem ganzen Dasein ist mir Gottes Allbarmherzigkeit und feine endlos große Macht so verdeutlicht erschienen als heute und von Neuem erscheinen mir alle Wunder der Vorzeit, von denen unsere heiligen Schriften berichten, vollkommen glaublich. Vor wenigen Stunden war ich das unglücklichste Geschöpf umer dem weiten Himmclsbogcn, mein Herz wollte vor schwerem Leid brechen, jetzt bin ich das glücklichste Mädchen auf der Welt, mein Herz ist übervoll von Seligkeit .... So hat sich doch der Scgensspruch meines sterbenden Vaters, sein letztes Wort bewährt. So hat sich auch der Wunsch meiner verewigten Mutter, den sie sterbend ausgesprochen» erfüllt. O ’ wenn cs meinem Vater vergönnt gewesen wäre, diesen Tag zck erleben, wenn er Dich, den er geliebt, wie sein eigen ftinö, als Held m stolzem Ztriegrrschrnnck, und doch so edel, so gottgcdenkcnd, sö gottcssürchtig gesehen hätte; — wenn meine Mutter, die ich nie gekannt den heutigen

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