Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-05-05 · Heft 35 (5.5.1887) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 35 (5.5.1887)
Date
1887-05-05
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449732--26389-2516207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 und Trinkwasser dienen; denn Quellwasser giebt « bekanntlich nicht in Jerusalem. Ich will hier nicht weiter erörtern, wie häufig diese Cisternen zufälligerweise von aussen verunreinigt werden, ü*»ch wie oft selbst Senkgrnben-FIüssigkeit in dieselben einsickert; Thatsache aber ist. dass dieses zumeist von Mikroorganismen wimmelnde Wasser nicht wenig zu den hier endemisch herrschenden Malaria-Fiebern beiträgt. Erwägt man noch die ungenügenden und schlechten Nahrungsmittel der hiesigen armen Bevölkerung, so wird man es begreiflich finden, wenn accidentiel auftretende Epidemien hier den günstigsten Boden zur Ausbreitung finden. Auch die klimatischen Verhältnisse Jerusalems lassen in mehr als einer Beziehung sehr viel zu wünschen übrig. Besonders die jähen Temperaturwechsel, welche zu allen Jahreszeiten sehr häufig Vorkommen, wirken hier schädlich auf den menschlichen Organismus und praedisponiren zu Rheumatismen und zu Erkrankungen der Athmungsorgane. Die heftigen Winde, mitunter zn wahren Orkanen ausartend, bringen im Winter oft zu reichliche Niederschläge, und hüllen im Sommer Gassen und Strassen iii förmliche Staubwolken ein. Wie schädlich dies auf Lungenkranke ein wirkt, liegt aut der Hand, und d«»ch geschieht es nicht gar so selten, dass brustleidende arme Glaubensgenossen in Europa von ihren Aerzten zum Aufenthalte nach Jerusalem geschickt werden! Sind schon die allgemeinen Lebens- und Wohnungs-Verhältnisse hier die möglichst ungünstigsten, so kommen noch andere Factoren hinzu. welche nicht weniger zur Morbidität der hiesigen Bevölkerung beitragen. Ich will nur die zwei wesentlichsten nennen: die hier üblichen frühen Heirathen, und die Erziehung der Kinder, speziell die der Knaben. Schon im zartesten Alter wird der schwächliche Knabe in das sogenannte „Cheder* geschickt. wo er den ganzen Tag hindurch in einer von verschiedenen Ausdünstungen geschwängerten Atmosphäre zubringen muss, und keine Bewegung in frischer freier Luft unterstützt die Entwickelung der jungen Knochen. Kaum bat er Hebräisch lesen5) erlernt, als auch schon znm Studium des Talmud geschritten wird, und vom frühen Morgen bis zum späten Abend muss sich das junge Gehirn srin Pensum eintrichtern. Wie stolz ist da nicht manche Mutter auf ihren Sohn, der ein so guter „Leraer“ ist! Freudigen Herzens sieht sie wohl seine Locken wachsen, sieht aber nicht den gekrümmten Rücken, nicht die fahle Blässe dt*s Gesichtes und die eingefallenen Augen ihres Kindes, das manchmal schon den Todeskeim im 3) nn4 übersetzen. Busen trägt. Frühreif an Geist verfallen die Knaben geheimen Lastern, nnd mit kaum sechzehn Jahren, ja oftmals noch früher werden sie verheiräthet. Welch eine Generation daraus resultirt, ist leicht denkbar! Fast ausnahmslos sind aU6 Kinder scrophulös, und die Sterblichkeit unter ihnen eine enorme. — Etwas besser sind die Mädchen entwickelt; fällt doch bei diesen das geschilderte Erziehungssystem weg. Dafür aber verkümmern sie häufig nach ihrer Verlieirathung; sind doch vierzehnjährige Mütter hier nichts so Aussergewöhnliches! — Armuth und Elend, diese Würgengel der Menschen, werden selbst in civilisirten Staaten, trotz aller sozialistischen Bestrebungen nicht ganz auszurotten sein; aber es gehört zu den elementarsten Obliegenheiten solcher Staaten, alle jene, dem Unverstand der Massen entspringenden Schädlichkeiten zu beseitigen. Nicht so in uncivilisirten Ländern, wo öffentliche Higißne ein unbekanntes Ding, und keine Behörde für , die allgemeine Wohlfahrt bemüht ist. Und so i bleibt mir nichts anderes übrig, als durch Zifj fern einfach zu illustrireu, wie traurig es um | die sanitären Verhältnisse Jerusalem’s be- stellt ist. j Die in Jerusalem endemisch herrschenden : Krankheiten, als Dyssenterien, Oplitalmien und | Malaria-Fieber, grassirten im Jahre 1886 bei j weitem stärker als in normalen Jahren. Aosser-; dem hatten wir im Winter eine ziemlich heftige I Typhusepidemie, welcher nicht wenige Personen zum Opfer fielen.! In früheren Jahren kamen hier Typhus- •; Fälle nur ätisserst selten and auch nur spora- ' disch vor: ebenso auch andere epidemische Kranklieiten, als Dyphterie, Masern etc., welche erst! in den letzten Jahren von russischen Pilgern 1 eingeschleppt worden zu sein scheinen, i Zu Beginn des Sommers trat in dem nahen! Jaffa das biliöse Typhoid epidemisch auf, und | ich hatte Gelegenheit auch einige hierher .verschleppte Fälle zu beobachten, von denen jedoch kein einziger letal endete. Von Wechselfiebem kamen wohl alle Arten vor, doch besonders häufig das remittirende, welches mitunter einen parniziüsen Charakter annahm. Dyphterie trat nur vereinzelt auf, etwas häufiger die Masern und Keuchhusten. Dannkatarrhe und Dyssenterien währten den ganzen Sommer und Herbst hindurch und rafften viele Kinder und Greise bin. — Und nun lasse ich den ärztlichen Bericht des Krankenhauses folgen, dem ich seit dreizehn Jahren vorzustehen die Ehre habe. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, die erfreuliche Mittheilung zu machen, dass Dank der Munifizenz ] des Herrn Baron Alfonse de Rothschild, im Luuez. i laufenden Jahre mit dem Bau eines neuen, den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.