Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449732--26377-2516195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
619 Es war spät am Abende. Seifensieder Auertruck.dcr seinem Gaste gegenüber mit den Erzeugrrinca ferner Werkstätte nicht sparen und sich nobel zeigen wollte, hatte alle Kerzen auf dem Kronleuchter in seiner Putzstube anzünde» und ein bcbüglichcs Feuer im Cfcn anrichren laffen, und so Mn, General Michael Klein, Sara Brack und Herr und Madame Goudchaud an dem runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Zwischen Frau Goudchaud und Sara hatte sich rasrb eine gegenseitige innige Zuneigung entwickelt. Madame Goudchaud, eine geborene Elsässerin, vereinigte viele Vorzüge. Sic besaß die Lebhaftigkeit und den Geist der Franzosen, die Redlichkeit und das Gemüth der Teutschcn, deren Sprache sie vollkommen mächtig war, und sich derselben mit Vorliebe bediente, und das Her; und die Frömmigkeit einer Jüdin. Tic kinderlose Frau stand in einem Alter, daß Tara ihre Tochter sein konnte, und diese war ein Wesen, das bei dem ersten Anblicke für sich cinnchmen, mit den ersten Worten Herzen für sich gewinnen konnte. Tie beiden Pflegegeschwistcr, welche ihr Verlädmß seit sieben Jahren durch den Tod gelöst g'andren, und sich doch die edelste Treue bewahrt darren.- hatten sich seit ihrem ersten unerwarteten seltsamen Begegnen auf dem Friedhöfe noch nicht w.cdcrgcschcn, und sie hatten sich daher endlos Vieles zu sagen. — Nachdem sich der Sturm freudiger Erregung bei beiden gelegt hatte, war jeder von ihnen bcfiierig zu erfahren, wie cs dem Andern während der langen Trennung ergangen. Sara's Leben war ein einfaches, ödes, trauriges cemesen, sie konnte dieses in wenigen Worten enlrodcn und Michaels Herz schmolz vor Wcbmuth, fk sie ihre Leiden, ihre Verlassenheit, ihre Vercinwmung, ihre Hofinungslosigkcit in einfachen, ergreifenden Worten schilderte. . Michael aber hatte in den letzten sieben Jahren cm reich bewegtes, hochimereilanlcS Leben geführt. Er knüpfte an die Schilderung seiner Flucht audem Kerker, welche er Sara schon bei ihrem mren Begegnen geschildert, an. Ter furchtbare Tod des Deserteurs, den er damals mir angesehen, hatte in ihm — ihm selbst vermunderdar, — die Neigung weiter zu leben, gewcrtt. Nachdem er sich rasch mit wicdergcwcckler ^ttgläubigkeit entschlossen, die schwere Bürde des -'cdens^ weiter zu tragen, und sich etwas gesammelt sah er sofort die Norhwcndigkeit ein, so weit dies unter feinen entsetzlichen Verhältnissen möglich war, einen festen Plan zu entwerfen, nicht ziellos sott, vielleicht in fein neuerliches Verderben zu rennen... Er hatte keine Ahnung davon, daß man ihn für todt halte und mußte daher folgerichtig aunchmcn, daß man ihn, den entflohenen Gefangenen, -steckbrieflich verfolgen würde. Wollte er noch frcilcbcn, mußte er trachten, sobald att möglich das österreichische Staatsgebiet zu verlassen. Wohin aber sollte er seinen flüchtigen Fuß wenden- Er hatte ^auf dem ganzen Erdcnrundc keinen Menschen, denen Gastfreundschaft er in Anspruch nehmen konnte, er hatte unter dem ganzen, nrächtigen, blauen Himmelsbogen kein Haus, das seinem Haupte ein schützendes Dach bot! Ja seiner furchtbaren Scclenbcdrückung schien es ihm. es gäbe aus Erde» keinen zweiten Menschen, der so von Gott und'Menschen verlassen sei als er, daß er verlassener sei als das Ranbthier des Waldes, das doch seine Höhle, seinen Schlupfwinkel findet. „Wohin soll ich mich wenden?" mußte er sich, als er an eine Wegcskrcuzung gelangt war, unwillkürlich selbst laut fragen, und da er für diese Frage keine Antwort wußte, wiederholte er dieselbe an seinen Schöpfer, an Gott, sein Auge zum Himmelszelte emporhebend. Er harte cs in seiner Aufregung nicht bemerkt, daß ein wilder Sturm über die Wege, die Felder, das Waner dahingebraust und die schweren Wolken vorn Firmamcntc wcggescgt hatte, nun leuchtete der Himmel in seiner schönsten Herrlichkeit, die Sternlein zitterten in goldener Pracht! Urplötzlich hatte ihn wieder ein Gefühl der Beruhigung überkommen, Gott, der alle diese Welten durch seines Willens Kraft geschaffen, Gott, dem er gedient von seiner zartesten Kindheit an bis jetzt nach seinem ganzen Können und Vermögen; der allmächrkge, allerbarmende Gott, der, wie ihn schon seine Eltern gelehrt, ein Vater aller Menschen, ein Helfer der Bedrückten, ein Schutzherr der Verlassenen war, konnte ja nicht gerade ihn ganz verstoßen haben!.Mit dieser wohlthuenden Beruhigung war gleichzeitig auch ein erleuchtender Gedanke über ihn gekommen. Seine Mutter, die er unendlich geliebt, hatte es unter den schwersten Entbehrungen versucht mit ihm, dem damals fünfjährigen Knaben in das Land zu gelangen, das sie alS ihr Vaterland betrachtete. Er fühlte sich nun wie mit . elementarer Macht dazu gedrängt, ihrem Beispiele zu folgen, ihren Wunsch wenigstens für seine Person auszusühren; plötzlich fühlte auch er sich mächtig zur Geburtsstätte seiner Eltern hingezogen. Freilich Metz nnd Elsaß hatten zur Zeit, als seine El-