Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1887)
- Date
- 1887-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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615 Lilienfeld die Mittheilung, daß ihre Gouvernante, Fräulein Svobada, von deren Pathe, der Frau Gräfin Walcwska, den Auftrag erhalten und überncmmcn hat, die Töchter der Familie Lilienfeld ihrer angestammten Religion abwendig zu machen und sie zur Taufe vorzubereiten." Die Unterschrift war unleserlich. „Run, mein Sohn, was sagst Du dazu?" Alexander zuckte die Achseln. „Ich lege zwar gewöhnlich auf anonyme Zuschriften gar keinen A'erch, dennoch glaube ich, daß der Schreiber dieser. Zeilen es aufrichtig mit uns meint; er hat vielleicht iit O . .. auf einem Spaziergänge die Unterhaltung des Fräuleins mit den Kindern belauscht.' Denn Tu weißt, Mama, am Tage Eurer Ankunft war auch ich geradezu srappitt über einige Acußcrungcn der Kinder, die allerdings wohl geeignet waren, auf eine Absicht der Gouvernante, rvie sie in dem Lchrciben angcdentet ist, schließen zu lassen. Trovdem bin ich vollkommen ruhig, denn ich bin nicht nur überzeugt, daß sie ihr Versprechen gewissenhaft hält, sondern Gabrielen- Minheilungen haben mich auch überzeugt, daß sie mit einer für sic selbst geradezu peinlichen Gewissenhaftigkeit den Eindruck wieder verwischt hat, den ihre höchst wahrscheinlich uribcdachtcn Worte auf die Kinder gemacht haben." Frau von Lilienfeld alhmcte erleichtert auf. „Deine Worte nehmen mir einen Stein vom Herzen. Ich bin mit der Gouvernante in jeder Beziehung ausgezeichnet zufrieden; wenn aber da-wahr wäre, was in dem Briefe sicht — ich habe cs mir lange überlegt, ob ich ihn Dir geben soll — ich habe gefürchtet, Tu schickst sie Knall und Fall fort." „Tahätte ich auch höchst wahrscheinlich gerban. wenn ich nicht überzeugt wäre, daß wir in dreier Beziehung vollkommen unbesorgt sein können. — In Folge meiner damaligen Unterredung mir der Gouvernante habe ich mich auch veranlaßt geßhcn, einen tüchtigen Religionslehrer für die Kinder zu engagiren: von nächster Woche an wird er nt täglich eine Stunde unterrichten." . -Täglich eine Stunde Religion; Das ist zu vrel, Alex. Du überbürdest die Kinder, sie haben •'u viel zu lernen, Musik, Französisch. Englisch, deutschen Styl, Geographie, Geschichte, Narurgelchichte. Physik, Mathematik —" -Sei unbesorgt, liebe Mama, die Kinder werden trotz des täglichen Religionsnnlcrrkchtes nicht rrehr angestrengt sein als bisher." -TaS begreife ich nicht, oder sie müssen die ondeni Gegenständen vernachlässigen." -Vernachlässigen sollen sie auch nichts; sie lc^cn nur vier Gegenstände, mit denen sie sich jetzt eine Stunde täglich beschäftigen, nur dreiviertel Stunden nehmen, dann haben sie in leichtester Art eine Stunde täglich für den Religionsunterricht ge» Wonnen." Frau vou Lilienfeld schüttelte den Kopf. „Alles, was die Kinder lernen, ist so überaus wichtig, daß ich nicht einsehe, wie sich Dein proponkrtes Arrangement durchführen ließe, ohne bedeutenden Nachtheil für sie." „Ich bitte Dich, auch in dieser Beziehung vollständig unbesorgt zu sein. Du wirst Dich überzeugen —" „Aber sage mir nur um des Himmels willen, was ist Dir da mit einem M eingefallen? — bisher schien es Dir vollständig genügend, daß der Kohn sic zweimal in der Woche unterrichlet hat." „Kohn - Unterricht kann man nicht eigentlich als Religionsunterricht bezeichnen, er hat sie hebräisch lesen uud einige Gebete übersetzen gelehrt, d. h. dem Wortlaute nach übersetzen, doch jegliches Dcrständniß dieser Gebete fehlt den Kindern, und außerdem wissen sic von unserer heiligen Religio« so gut wie gar nichts. Es ist mir daeben nach meiner Unterredung mit ihrem Fräulein schwer auf's Herz gefalle», daß ich meinem Versprechen, das ich dem seligen Vater gegeben habe, nicht richtig nach-, gekommen bin. Ich habe gelobt dafür zu sorgen, daß meine Schwestern zu braven, frommen Jüdinnen erzogen werden, und —" „Und ich denke, das werden sie. Sie haben, am Sabbat keinen Unterricht, bei dem sie schreiben oder zeichnen müssen, eben so wenig Musik oder Handarbeitsunterricht. Am Neujahr oder Dcrsöhnung-rage gehen sie auf einige Stunden in den Tcrnpel, ich begreife nicht, wa§ Du mehr verlangst." „Daß sie unsere hellkge Religion gründlich kennen lernen, sowohl in Bezug auf die Gebote als auf die Verbote, daß sie die Bibel gründlich kennen, wo möglich auch übersetzen, ebenso die Psalmen —" „Hilf Himmel!" rief Frau von Lilienfeld, die Hände zusammenschlagcnd „sollen die Kinder nicht auch den Talmud studiren?" „Rein, liebe Mama", cntgegnete Alexander lächelnd. „cs ist sogar untersagt, feine Tochter im Talmud zn unterrichten." „Gort sei Tank! ist das wenigüens gut, sonst würdest Du sicher darauf bestehen. Deine Schwestern auch im Talmud unterrichten zu lassen. Täglich eine Stunde Religionsunterricht! — Bedenke nur. wie viele Zeit sie da vergeuden." „Ich hoffe im Gcgenthetl, daß diese eine Stunde