Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1887)
- Date
- 1887-04-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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587 UNS in Position, dmn dort an der Wegcsbicgung wird schon die Töte der feindlichen Truppen sichtbar.- Es legte sich nun eine tiefe, etwas unheimliche Stille über alle Anwesenden, der Erdboden unter ihnen erzitterte, leicht unter den mächtig erdröhnenden Husschlägen der starken Reircrinasse, dabei bildete auch daS Klirren der Säbelscheiden, die beim Ncbcncinandcrreitcu zuweilen ancinauderschlngen, ein ziemliches Geräusch. ES waren.Qiirafficrcl Sie rillen, da die Strotze ziemlich breit war, zwölf Mann hoch und bildeten in der langgestreckten Linie einen prachtvollen Anblick. Die Helme glänzten in den Strahlen der blurigroth nntcrgchenden Winterwnne. Tic Panzcrrcitcr trugen blaue EolletS und blanke Brust- und Rückcnküraste. Zuerst ritt eine Reihe von zwölf Mann, die Karabiner in der Rechten, auf dem Schenkel gestutzt, die Hand an dem aufgezogenen Hahn; — dann folgte eine kleine Abteilung, an deren Spitze der Lieutenant, der dem Bürgermeister die Ankunft der Truppen angczcigt hatte. Ter Bürgermeister, der von Moment zu Moment verwirrter wurde, wollte schon auS der Reihe treten und den blutjungen Lieutenant ansprechen, aber seine Rcbcnmänncr hielten ihn an den Frackschötzcn zurück, und WcckclSbacher flüsterte ihm zu „Der General reitet an der Spiee des Gros der Truppen und folgt in kleiner Distanz der Avantgarde." Aller Blicke wandten sich nun den Ankommenden entgegen. Voran ritt auf einem kräftigen, lcichtgcstccktcn Schwarzfnchs mit weißlicher Mähne der französische General. ES war dies eine mächtige Gestalt, welche alle die hochgcwachfencn Panzerrcirer noch um eine halbe Kopfeslänge überragte. An der Stelle, »vo die städtische Deputation 'rand, hielt er stille, als wenn er angesprochcn zu werden erwarte und ließ einen prüfenden Blick über diese schweifen. Bürgermeister Golzinger blickte entsetzt zu dcui Reiter empor. Tie Züge desselben schienen ihm nicht tremd, sie weckten entsetzliche Erinnerungen in seiner schwarzen Seele .... Die Züge des französischen Generals gehörten einem Manne an, den er dem -r.odc geweiht, der vor Jahren schon in den Fluchen drr Hanna unter deren geborstenen Eisdecke ertrunken war, den Mann, dcffcn Züge der fremde General trug, hatte er von frühester Jugend an, als dieser ein fünfjähriges Kind gewesen, mit grundlolen und doch wildem fanatischen Haste verfolgt .. Waren die Todtcu aus ihren Gräbern aufcmanden?" Golzinger hatte in seinem schuldbclastctcn Leben lchon Momente ergreifender Entsetzlichkeit erlebt, aber der unerwartetere Anblick Lberbot doch alles Dorhergegangcne an Furchtbarkeit. Einen Augenblick schienen seine Sinne in eigcnthümlichster, beispiellosester Weise auszuarten; sie versagten ihm nicht den Dienst, im Gegentheil, sie erwiesen sich viel diensteifriger als er es wünschte. Sein Auge ließ ihn Dinge sehen, sein Ohr Töne hören, die er um keinen Preis der Welt hören und sehen lasten mochte. Hinter dem Generale schien ihm, gespensterhaft, einewciblicheGestalt mit bluttriefenden, zerschmetternden Gliedern, die Gestalt des arinen Mädchens aufzutanchcn, dessen Tod. er durch seine Wollust und Niedertracht verschuldet hatte. Tie Gestalt des Generals schien sich in jene eines unter Eisschollen einsinkenden Mannes zu verwandeln, sein Ohr glaubte den Ruf des Verzweifelnden, der vergeblich Gott und Menschen um Hllfe anrief, zu hören, und in diese Hilferufe mischten sich die Flüche der zu Tode gemarterten sterbenden Eva Brümmlerin, die sie gegen ihren ersten Verführer auSstieß. Golzinger schauerte zusammen, aber er wollte sich gewaltsam überreden, sein Gewissen, das gerade jetzt zur allerungünstigtcn Zeit erwacht sei, führe seine Sinne irre, die Halbdämmernng täusche sein Auge, der General könne unmöglich der Todte sein, er schüttelte heftig den Kopf, als könne er dadurch das, was er nur, als sich plastisch verdeutlichende Schrcckbilder seiner Seele betrachten wollte, abschlcudcrn, raffte mit übermenschlicher Anstrengung die sinkenden Geisteskräfte zusammen; versuchte cS in seine sich von Moment zu Moment verdunkelnden Begriffe Klarheit zu bringen, trat mit schlotternden Knicen vor und wollte die wohlcinstudirte Rede beginnen; aber die Mcnschenscclc ist ein cigenthümliches, ihr selbst unbegreifliches, unergründliches Objekt, der Schrecken hatte ihm das Gedächtnitz, aber merkwürdiger Weife nur für das Letztgcdachte geraubt. Um keinen Preis der Welt wäre er im Stande gewesen, die sorgfältig vorbereitete und einstudirte Rede zu sprechen, und doch mutzte er sprechen. Zn seiner totalen Geistesverwirrung fühlte er sich in der Erinnerung lebhaft in jene Scene versetzt, wie er vor sieben Jahren unter ganz andern Verhältnissen den Obersten eines österreichischen Regimcntes angesprochcn, und halb oder ganz wahnsinnig vor Aufregung, in sonderbarstem Gedankenvcrschwinrmen, die Begriffe aus der Vergangenheit und der Gegenwart durcheinandcrwcrfend, traten ohne, vielleicht gegen seinen Willen, die Worte, die er vor sieben Jahre gesprochen und in seinem Gedächtnisic scstgehalten hatte auf seine Lippen, und je länger er sprach, desto sonderbarer und sinnloser erschien feine Rede.