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Der Israelit · 1887-04-28 · Heft 33 (28.4.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 33 (28.4.1887)
Date
1887-04-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Sie aber Christin sind, müssen Sie es glauben? — kann man sich denn zwingen, etwas zu glauben?" Marina athmete tief auf, sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Es fällt mir heute gar nichts ein, waS ich Euch erzählen könnte. Aber, wenn Ihr wollt, lese ich Euch etwas vor?" Die Linder waren freudig einverstanden, denn sie wußten, ihre Gouveniante wußte eben so trefflich vorzulesen als zu erzählen, und wenn sie auch nach 5t inderart dem Erzählen den Vorzug gaben, so hatten sie doch noch, bevor Marina es ihnen gesagt hatte, eingesehen, daß sie darauf für heute würden verzichten müssen. Marina nahm jene liebliche Dichtung von Göthe, „Herrmann und Dorothea" und begann zu lesen; mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten die Linder. Es ward ihr anfangs nicht leicht, sie mußte sich zwingen, ihre Gedanken auf den Gegenstand zu concentrircn, doch allmählich ward sie wärmer, mit angchaltenem Athcm hingen die Kinder an ihrem Munde. Wenn es auf die Kleinen angekommen wäre, so hätten sie wohl die ganze Nacht hindurch dem seclcnvollcn Vortrage gelauscht, doch als die Stunde kam, zu der sie gewohnt waren, sich niederzulegen, schloß Marina das Buch. „Schade! Schade!" riefen die Kinder und suchten Marina zu bewegen, nur noch ein Viertclstündchen weiter zu lesen; diese ließ sich jedoch nicht erbitten, denn sie wußte, Frau von Lilienfeld legte besonder» Werth auf ein möglichst geregeltes Leben, Alles nach dem Glockcnschlage. Marina begleitete die Kinder in ihr Schlafzimmer, war, wie am Morgen so auch Abends bei ihrer Toilette gegenwärtig und als sie beide in ihren Betten lagen, ttat sie zu ihnen und küßte sie, wie an jedem Abend, auf die Stirn. Gabriele schlang hiebei den Arm um ihren Hals und flüsterte, indem sie sich an sie schmiegte: „Sind Sie mir auch nicht böse, liebes Fräulein?" ..Ich Dir böse sein, Kind? — warum sollte ich das?" .Weil —" sie stockte, „bitte, sagen Sie es wir ausdrücklich, daß Sie mir nicht, böse sind." . „Ten Gefallen will ich Dir gern erweisen. Tu hast mir, wie noch nie, so auch heute nicht Berandung gegeben Dir zu zürnen, i:nb darum, weil " es wünschest, sage ich Dir ausdrücklich, daß ich nicht böse bin." „Tank Ihnen. Aber jetzt müssen Sie mich noch einmal küssen." »Mich auch," rief Zosefine. Marina entsprach ihrem Verlangen. „Aber nun, gute Nacht Kinder, jetzt ist es Zeit, daß Ihr schlafet." Sie löschte das Licht und verließ das Kinder» zimmer, um sich in ihr eigenes zu begeben. DaS Arbeitszimmer, in dem sie mit den Kinder» den größten Theil des Tages verbrachte, lag zwischen den beiden Schlafzimmern, dem der Kinder und dem der Gouvernante. Eine Viertelstunde mochte verstrichen sein, da vernahm Zosefine, wie ihre Schwester sich in ihrem Bette von der einen Seite auf die andere wälzte. „Gabi!" flüsterte sie, „schläfst Du?" - „Nein", entgegnete diese in demselben Tone, „ich kann nicht schlafen, ich muß beständig au nnser Fräulein denken." „Ich auch", sagte Zosefine, „sie war den ganzen Abend so bleich." „Es lhut mir so leid, daß ich solche Sachen gefragt habe", flüsterte Gabriele, „weißt Du Firn, wir werden sie gar nicht mehr so etwas fragen." „Nein, gewiß nicht", stimmte die Kleine bei „und weißt Tu. —" „St.! ich glaube, Fräulein ist drinnen im großen Zimmer." Gabriele hatte sich geirrt, die Gouvernante befand sich in ihrem eigenen Zimmer, aber sie hatte die Thür, die zu dem anstoßenden Arbeitszimmer führte, nicht fest geschloffen, daher vernahmen die Kinder, wie sie in ruheloser Hast auf und nieder wandelte. Tie Unterhaltung mit ihren Schülerinnen hatte sie mächtig erregt, unaufhörlich war es ihr, als vernähme sie ihre eigenen Worte, die sie zu den Kindern gesprochen, und anklagend erhoben sich jene Worte gegen sie: hatte sie, die Christin so reden dürfen? — Aber hätte sie anders reden können, reden dürfen? — gegen ihre eigene Ueberzeugung. — Und je mehr sie sann, desto wilder ward es in ihrem Innern; alle jene Zweifel, die sie nach mühevollem Kampf zum Schweigen gebracht, erhoben sich mächtiger als je in ihrer Brust — e? war, als hätten die wenigen Worte, die sie darüber zu den Kindern gesprochen, ihr selbst die Augen geöffnet. Stunden verstrichen in namenloser Pem, erst als zwölf Glockcnfchläge die Mitternachtstunde verkündere, siel cs ihr ein, daß cs an der Zeit war, sich zur Ruhe zu begeben. Wie sie cS gewohnt war, kniete sie nieder auf dem Betfchemcl, hob die gefalteten Hände empor zu dem Bilde. Doch ploxlich schnellte sie empor und wie ein Schauer durchrieselte es sie, was wollte

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