Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 28-29 (7.4.1887)
- Date
- 1887-04-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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503 Im Lause des Tages erhielt sie auch einige Zeilen von der Gräfin mit der freundlichen Anforderung. sie baldmöglichst zu besuchen. Als sie Htgen Frau von Lilienfeld diese Aufforderung erwähnte, bestand dieselbe darauf, sic muffe denselben sofort entsprechen, denn sie lege großen Werth darauf, daß ihr Fräulein die wärmsten Beziehungen zn ihrer hochgeborenen Pathc aufrecht erhalte. (5* war in den späten! Nachmittag stunden, Iran von Lilienfeld war mit den Kindern spazieren gefahren, um gegen jeden Bekannten, den sic traf, erwähnen zu können, das; die Kinder heute aus ihre Ge'ellschaft angewiesen wären, da die Gouvernautc ihre Pathc besuchen müsse, die vor Sehnsucht nach dem liebenswürdigen Mädchen sich nicht zu kaffen wisse. Marina hatte sich in Wirklichkeit auf den Weg gemacht, die Gräfin zu besuchen. Aber nicht wie »Hedem eilte sie freudigen Herzens zu der hochvcrciincn Frau, die in gütiger Herablassung ihr stets Liebes und Freundliches erwiesen — langsam schritt ':»' heute einher, ihr Herz schlug rasch, doch bang; war sic sich doch wohl bewußt, daß cs zu unangenehmen Erörterungen zwischen ihr und ihrer Paibe kommen müßt. So aufrichtig sic die Gräfin liebte, so innig nc si.ch ihr verpflichtet fühlte, sie konnte cs ihr nicht verzeihen, daß sic ihr einen Vcrtrauensmißbranch zngcn:uthct hatte. Sic hätte am liebsten ihren Bestich verschoben, doch sie schalt sich selbst undankbar und feige, und rascheren Schrittes legte sic den Weg zum grästichen Palais zurück. Tie langjährigen Diener des Hauses bcwillkonmiten sic auf's Herzlichste und forderten sie auf. '!$ unangemeldet zu der Herrin zu begeben, da dieselbe ihren Besuch erwarte und befohlen habe, wdald das junge Mädchen komme, es zu ihr zu führen. Doch Marina zögerte und bat, sie zu melden. Der Kammerdiener entsprach ihrem Verlangen, kam jedoch sofort, ihr mitzutheilen, daß die Gräfin sie erwarte. Ticustcisrig öffnete er die Thür, die zu den Appartements der Gräfin führte, und Marina trat ein. „Willkommcn.liebcsKindl herzlich willkommen!" rief die Dame uud streckte der Eintrctcndc» die Hand entgegen. Ehrfurchtsvoll zog Marina diese au ihre Rippen und erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Pathe. „Ich kann nicht klagen, dem Herrn sei Tank! *vül)!c ich mich auch nach vollendetem Tagewerk cuvas ermüdet, das Bewußtsein zu wirken in dem Weinberge des Herrn, verleiht mir immer auf's Aue frische Kraft. — Nun, wie geht cs denn ^rr, mein thcurcs Kind? — Doch was frage ich, -r-u sichst ja prächtig aus, wie eine eben sich entfaltende Rosenknospe. Auch Dir verleiht das Bewußtsein, Teine schwache Kraft dem Dienste des Herrn geweiht zu haben, doppelte Schönheit." Erröthend eulgcgucte das junge Mädchen, daß sie allerdings darnach strebe, stets recht zu thun. „Ich weiß cs, liebes .Kind, von jeher hast Du mir nur Freude bereitet und ich hoffe viel von Dir. Doch jede sag' an, wie steht es mit Deiner Mission? — Tein levlcs Schreiben, in dem Du nrir von der Zuneigung und dem herzlichen Vertrauen Deiner Schülcrirmcu zu Dir berichtet hast, bat mich hoch erfreut: ich rieth Dir daraus, mit Dtincr eigentlichen Mission zu beginnen und sehe nun voll Spannung Deinem diesbezüglichen Erfolge entgegen. — Nun Kind?" „Ich habe Ihrem Aufträge entsprochen, Erccllcnz," sprach Marina mit niedergeschlagenen Blicken, „ich habe vor Allem durch fromme Legenden die Gcmüthcr meiner Schülerinnen zu gewinnen gesucht und dann durch die Leidensgeschichte des Herr» ihr Mnlciden entfacht." „Gut, sehr gut — so hatte ich es Dir empfohlen. Nun? — und? —" „Ich habe," fuhr Marina fort, noch immer ohne den Blick zu heben, „ich habe vielleicht des Guten zu viel gcthan — die Kinder haben Thränen vergopen, waren im höchsten Grade erregt." „Das schadet nicht, im Gcgenthcil — nur so weiter, immer weiter." „Das kann ich nicht," erwiderte das junge Mädchen leise, doch bestimmt, indem sie das Hanpt ein tvcnig hob und der Gräfin voll in's Antlitz blickte. ^Dic Kinder in ihrer Erregung haben zu ihrem Vormunde davon gesprochen, und dieser hat Nil» die Alternative gestellt, entweder jedes die Religion berührende Thcnia im Verkehr mit den Kindern zu meiden, oder sofort meinen Posten zu verlaffcn." Die Gräfin zog die Stirn in Falten.' „Das ist saial," sprach sic kopfschüttelnd, „höchst fatal — nun? — und Tu? —" „Ich habe mein Wort gegeben." „Das war im gegebenen Falle allerdings das Klügste, oder bester gesagt, das Einzige, was Tu thun konntest. Hättest Du cs venveigcrt und Deinen Posten verlassen, so hättest Tu sicher nichts wirken können, während so Deinem Wirken nur ein leichter Hemmschuh angelegt ist. Fern sei es von mir, Dir einen Bonvnrf machen zu wollen, ganz im Gcgcntheil. ich anerkenne Dein Streben. Aber Tn bist jung und heißblütig, wähntest, im Sturm das Ziel erringen zu können, und Haft in Deinem allerdings edlen Eifer meine.Mahnung zur Vorsicht nicht beachtet. Von jetzt an, dess' bin ich sicher, wirst Dn vorsichtiger fein. — Für die nächste