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Der Israelit · 1887-03-21 · Heft 23 (21.3.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 23 (21.3.1887)
Date
1887-03-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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415 das Geschenk eines Bauern — in Puntowitz gelassen zu haben, doch trösteten ihn einige der Hm* stehenden Ihcilnaursvoll und versicherten ihn, der Wirth „3um gelben Kanarienvogel" hätte sehr crü'lgvoll, wenn auch nicht sehr appetitlich einen Schinken unter dem Miftberg feincs Hauses, vor den spionirenden Russen zu verbergen und zu bergen gewußt und werde daher seinen Hunger stillen können. Die Unterhaltung am Marktplate wurde bald eine allgemeine; man bestürmte den Puntowixer Schullehrer mit Fragen idarnnter auch sehr dumme) 7 und sprach seine Meinung über das zu crwanendc Resultat der Schlacht, — meistens in pcssemistischcm Sinne aus. Endlich gingen die Leute auseinander, um nach ihrem Hanse, ihrer Familie zu sehen. Sara wandte ihre Schrine nach' der Juden gaffe in den Laden zu Reb Towije Szocher'), um sich Ocl sür den Iahrzeitstkegel zu verschaffen, und Rcb Oschcr begleitete sie. „llui wie viel Uhr wird heute Mariw beginnen?" srnq ihn Sara. „Abends beginnt der Todcsjahrcs- :ag meines Vaters, sichrono liwrocho, da er keinen Sohn hintcrlicß, der ihm Kadisch nachsagt, komm wenigstens ich in die Wciberschul." Rcb Oschcr schob die Achsel in die Höhe. „Heute, meine liebe Mamsell Sara, wird cs schwer sein, Minjan zu bekommen, die meisten Leute ans der K Hille-) sind plctc3) gelaufen. Ich werd' heut die Schul gar nit ausfperrcn." Sara betrat el-röthcnd n.nd erblassend den tlcincn Laden von Red Towije Szochcr, einem alten Manne, der zu den wenigen zählte, welche nicht die Flucht ergriffen hatten, weil, wie er mit Recht behauptete, Gott boruch du, den Menschen überall in seinen allmächtigen Schurze nehmen könne. Sic wolle Oel für den Iahrzcitsticgcl ihres Vaters kaufen, lispelte sic fast unhörbar, aber sic habe in dem Augenblicke kein Geld, hoffe aber....*, Rcb Towije ließ sie nicht zu Ende sprechen, und sagte mit einem milden Lächeln: „Nix kosche*), darüber brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen, es wäre schade um ihr schönes, schwarzes Haar unbcschricn! Hebrigcns sollten nicht nur Sic. sondern jeder in der khillc, Reb Aron Brack's Iahrzeir halten, er war nicht nur Ihr Vater, er war auch der Vater der ganzen K Hille. 1) Händler, im engeren Sinne. Eewürzträmcr. 2) Gemeinde. 3) gon. 4) Zaran liegt nichiS. Das Menschenherz ist in seinen Wünschen und bezüglich der Befriedigung derselben -vollständig unergründlich. Zuweilen unersättlich — zuweilen bis zur Unbegreiflichkeit begnüglich! — Sara fühlte sich einen Moment so befriedigt, daß sie sich — allerdings nur einen kleinen Zcinheil — glücklich fühlte. Ter Mensch, auch der geisteskrästigste, mußte doch zuweilen die Oberhoheit des Körpers anerkennen. Sara, die gefürchtet hatte, längere Zeit, vielleicht lange Zeit ohne Speise bleiben zu müssen, hatte die Hoffnung, sich, wenn auch nur mit einem Stück Oärfcnsuß faltigen zu können — und — das war das wichtigere — sie konnte das Iahrzeitslicht um ihren rodtcn Vater und Verlobten anzünden l das erfrischte ihre Seele! Die Einwohnerschaft W.s verlebte Montag den ganzen Tag in furchtbarer Aufregung. Nachmittags waren Flüchtlinge aus den Dörfern Telnktz, Sokoln?v. Pratzen angclangt. Sie er-zählten von den erbitterten mörderischen Kämpfen, die zwischen den beiden Armeen mit außerordentlicher Heftigkeit und Zähigkeit geführt würden; daß das Blut in Strömen stoß und das Schlachtfeld mit Todten, Sterbenden und Verwundeten, Franzosen, Russen, Ocslcrreicheni besäet wäre. Die unerfahrenen, ungebildeten, auch von Schrecken betäubten Menschen, waren selbstredend vollständig außer Lage sich irgend ein Urtheil über den Ausgang der Schlacht zu bilden, und die Angaben der Einzelnen waren je nach dem Orte, von dem sie anlangten, und je nach der Zeit, zu welcher sie bas Schlachtfeld, verlassen, verschieden, nur so viel schien aus den verwirrten und verwirrenden Berichten hcrvorzngchen, daß der Kampf bis eine Stunde vor Mittag uncntschleden hin und hcrgewogt. Freund und Feind Vorthcile erlangt, Punkte genommen und wieder verloren hatten. Ohne Zweifel war cs, daß die österreichische Reiterei namhafte Erfolge errungen hatte — aber am Abende langte ein österreichischer Militärarzt mit der Nachricht an, die Schlacht hätte, trotz der Tapferkeit, mit welcher Rügen und' Oesterrcicher gekämpft, trotz vieler Vonheile, welche die Verbündeten an vielen Punkten gewonnen, trotzdem der russische General Milodrowirsch mit dem höchsten Heldcnmuthe, mit einer die VcwundeinlH des Feindes erlegenden Tollkühnheit am Schlachnelde herumgcrittcn, um die Schwankenden zu erhalten, bie Flüchtigen zu ihren Fahnen zurückzuführen, trotzdem der österreichische Feldmarschall-Licutcnat Fürst Johann Lichtenstein mit seinen Reitern das Außeror-

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