Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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397 Frau Babi fuhr zusammen und stieß einen unattikulirten SchrcckcnSruf aus. „Was bedeutet das?" frug Lara, aber als sich die entfernten Kanoucnschlägc wiederholten, hätte sie der Aufklärung de« Fremden, der nun naher trat, nicht bedurft. „G* wird eine Schlacht zwischen den Verbündeten und den Franzosen geschlagen," meinte dieser. „Ich bin der Schullehrer aus Pnntowitz, dem Torfe, das an dem Lache liegt, welcher die beiden Armeen von einander trennt. Das Dorf ist ganz verlassen, alle Lauern sind geflohen. Ich bin erst vor drei Atonalen von einem dcntsch-böhmischcn Dorfe, dessen Schulhans nicdcrbrannte, hierher verseht worden. Ich bin ganz fremd hier und wußte nicht, wohin ich fliehen sollte. Ich war der einzige Mensch, der hcure in Pnntowitz übernachtete. Ich dachte auch, daß Freund und Feind einem ruhigen, friedlichen Schulmeisterlcin nichts anhaben würden. — Aber ich konnte doch die ganze Nacht nicht schlafen, ich stand am Fenster und starrte gedankenlos hinaus. Ich sah längere Zeit Feuer auf den Höhen von Praxen, wo die Wunen kampirtcn. Nack und nach erloschen diese und ein in der Stille der Nacht deutlich ertönendes Geräusch offenbar von Kanone» und Pferden, machte sich vernehmbar, die sich, wenn mich mein, in militärischen Dingen allerdings sehr ungeübtes Ohr nicht täuscht, von Links nach Rechts gegen die Teiche hin bewegten. — Kurz darauf hörte ich wieder in cntgcgcngescxtcr Richtung Hufschläge. Ter Mond schien ziemlich hell, und da meine Neugierde im höchsten Grade gewannt war, strengte ich mein Auge an, um zu sehen, welche Scene sich hier entwickeln würde. Bald erschien an der Straßcnbicgung eine Gruppe von fünf Reitern, denen in kurzer Distanz rin Trupp Dragoner als Bedeckung folgte. Ten ersten an der Spixc der fünf Reiter erkannte ich sofort an seiner Figur und seiner Kleidung. Eine kleine gedrungene <">cstalt in einem grauen Rocke, ledernen Beinkleidern, hohen Stiefeln und dem kleinen, dreieckigen Hute. Es war Napoleon, der Kaiser der Franzosen, der gerne die ganze Welt erobern möchte. Tie andern vier Reiter um ihn herun: mochten wohl seine Marschälle sein. Er richtete seinen Blick auf die Höhen, welche die Russen verlassen hauen, horchte m der Richtung^ von welcher das Pfcrdcgctrappel und Wogcngcraucl hcrübcnöntc; dann sprach er, — da er keine Ahnung hatte, daß er von einem Mcnschenohrc belauscht wurde, — ziemlich laut einige französische Worte, die ich bis auf zwei vcruand. Ich habe, als ich in Prag an der Präparandenfchule war, etwas französisch gelernt. Ich glaube, der Frankenkaiser scheint davon überzeugt zu sein, in der eben beginnenden Schlacht zu siegen. Aber die zwei Worte, die mir fremd waren, ließen mich doch den Sinn seiner Rede nicht, vollkommen auffaffeu." Sara war den Mittheilungeu des junge« Mannes, der diese vorzugsweise an sie richtete, mit großer Aufmerksamkeit gefolgt, er wußte gut zu sprechen und war offenbar gebildeter als die Mehrzahl seiner Kollegen jener Zeit. „Haben Sic sich vielleicht die Worte gemerkt?" ftug sie. „Gewiß," erwiderte der Schullehrer, „emdurcade* und .trappe.* „Embuscade* heißt Hinterhalt, und „trappe" heißt Falle." Der Schullehrer blickte erstaunt auf. Das Iudenmädchen in der dürftigen Kleidung und dem Tuche über den Kopf, das ihn, wie er jetzt zu erkennen glaubte, ursprünglich nur durch ihre ungewöhnliche Schönheit gefesselt, und das er für cm Dienstmädchen gehalten, schien der französischen Sprache in ungewöhnlicher Weise mächtig. „Jetzt erst," rief der Schullehrer, „wird mir der Sinn der Worte, die Napoleon gesprochen, vollkommen klar. Er sagte, die Russen unterstützten ihn in seinen Plänen, er habe ihnen einen Hinterhalt gelegt und sie gingen in die Falle." „Tie Russen sind ja die Alliirten unseres Monarchen." sprudelte Sara lebhaft hervor, „da wäre cs Ihre Pflicht gewesen, einem höheren Offizier der Verbündeten von diesem" richtigen, wenn auch nur halb verstandenen Ausspruche des französischen Kaisers in Kcnntniß zu setzen. Sie hätten sich hierdurch ein großes Verdienst erworben." „Ich dachte genau so wie Sie, mein Fräulein," sprach der Schullehrer erröthcnd. „Ich entfernte mich unbemerkt durch die Hinterthür des Schulhauses, in welchem ich ein Zimmer bewohne und ging in der Richtung von Tclcnitz. wo ich dem Gehöre nach zu unheilcn den Truppen der Verbündeten begegnen mußte; aber ich war nicht so glücklich auf ein Eorps unserer Armee zu stoßen. Ich begegnete nur einem hohen, russischen Offizier au der Spitze einer russischen Truppcnabtheilung. Ich trat an ihn heran, aber er verstand kein dcntsch, wollte mich nicht anhören und als ich den verunglückten Versuch wagte, mich ihm auf französisch verständlich zu machen, ward er zornig, schlug nach