Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1887)
- Date
- 1887-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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357 „DaS ist gut, denn eine kokette Gouvernante tonnten wir nicht gebrauchen." „freilich nicht. Aber Fräulein Svobada und kokett! — wo denkst Du hin?" „Unser schwarzes Finchcn scheint auch nicht koken zu sein." sagte Alexander, indem er die sonnverbrannten Wangen des Kindes streichelte. „Was ist das. kokett?" ftagte die Kleine. „TaS weißt Tu nicht? und Mama hat Dich io eben gelobt, daß Tu so gut französisch sprichst. Wie heißt Je coque?" „Ter Hahn — aber kokett? —" „Heißt wie der Hahn sein, sich beständig drehea in:d wenden, um die Aufmerksamkeit auf sich zu sichen." „Wie unser voriges Fräulein?" „Ganz richtig, wie — doch da sind wir ja." Ter Wagen hielt; Alexander sprang heraus und war auch seiner Mutter und seiner Schwester beim Anssreigen behilflich und geleitete sic über die breite Marmorsticge hinauf in die prächtigen Wohnränult. Frau von Lilienfeld stützte sich gern auf reu Arm ihres Sohnes; er war ein blühend schöner junger Mann, sah dabei so nobel aus, wie ein vollendeter Eavalicr, sagte seine Mutter. Gabriele und das Fräulein waren auch bereits angekommen. „Wollen Sic die Toilette der Kinder ein wenig in Trdnung bringen," wandte sich Frau von Lilienfeld an die letztere, „und dann erwarten wir Sic im Speisezimmer." Marina entsprach der Weisung, sie begab sich n.ir den Kindern in das für diese bcstiunnlc Zimmer und unter ihrer Aussicht badeten die Kinder die erhitzten Gesichter und wechselten die bestaubten Lberkleider, dann hüpften sie lachend und schäkernd in das Speisezimmer und zogen ihre jugendliche Gouvernante mit sich. Gleichzeitig mit ihnen trat euch Frau von Lilienfeld in das Zimmer. „Erlauben Sic. liebes Fräulein, daß ich Sie nicinem Sohne vorstelle. Fräulein Svobada, Herr von Lilienfeld." Marina erwiderte achtungsvoll die höfliche Verneigung des jungen Mannes. „Ich habe schon viel Schönes von Ihnen gehört, Fräulein, unsere kleine Joscfine hat Sie in rhr Herz geschlossen." „Ich gleichfalls," rief Gabriele, indem sic ihren .»rrn um Marina schlang „und ich weiß gewiß, Alex.^wcnu Du —" Frau von Lilienfeld, eine Taktlosigkeit des teddastcn Kindes fürchtend, unterbrach sie mit einer Uunordenmg, sich zu Tische zu setzen und alle entsprachen ihrer Einladung. Alexander jedoch erst nachdem er im Vorzimmer sich die Hände gewaschen, hatte; seine Schwestern folgten erröthcnd seinem Lcispicl; während der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit hauen sic nicht daran gedacht. „Es ist doch schön, daß Ihr wieder hier seid/ sagte Alexander, als er zwischen seinen beiden Schwestern am Tische saß. „Hast Du uns vermißt?" fragte seine Mutter. „Kannst Tu daran zweifeln? es war recht öde in deni leeren Hause." „Wenn ich das bedacht hätte, hätte ich unsere Abwesenheit abgekürzt." „Ach nein, Mama!" rief Josefine, „das wäre zu Schade gewesen, cs war so schön an der See." „Wo gar keine , abscheulichen Bücher waren," siel Alexander lachend ein, „Finchen, Finchen, wie wird die blaue Grütze schmecken, Fräulein Svobada." wandte er sich an diese, „morgen sind die Ferien zu Ende." „Ich glaube nicht, daß die jungen Damen sich davor fürchten," sagte Marina lächelnd. „Nein, gewiß nicht," rief Gabriele, indem sie die Hand der Gouvernante ergriff, „bei Ihnen. Fräulein, lernen wir gern, und Du wirst sehen, Alex, Du wirst auch mit unfern Fortschritten zufriedener sein als früher." „Wird mich herzlich freuen." „Und meinst Tu denn, wir hätten diese ganze Zeit hindurch gar nichts gelernt? O, unser Fräulein hat uns so viel erzählt und erklärt von Ebbe und Ftuth und von den Scethieren und den Scegcwächscn und von den Felsen im Meere und von der Schifffahrt, von der Erfindung des Dampfschiffes und der Eisenbahn und von noch ganz vielen andern Dingen. Und Alles hat uns Fräulein erst Deutsch erklärt und dann Französisch und dann haben wir es Deutsch und Französich nacherzählt. Und wenn Du willst, erzähle ich Dir noch Alles, auch auf Französisch und manches auch Englisch. Prüfe uns ein wenig, Alex, ich bitte Dich." Alexander entsprach ihrer Aufforderung uud staunte in Wirklichkeit über die Fortschritte der Kinder in diesen wenigen Wochen. „Ich mache Ihnen mein Eompliment, Fräulein." „Das kann ich jedenfalls nur zur Hälfte acceptiren" entgegncte sie lächelnd, „denn ohne die Aufmerksamkeit meiner Schülerinnen —" „Wäre ich allerdings nicht in der Lage gewcsen, Ihnen mein Eompliment über die Fortschritte derselben zu machen, das ist richtig. Aber, daß Sie die Aufmerksamkeit der Kinder in solchem Grade zu erregen und zu fesseln wissen —"