Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1887)
- Date
- 1887-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVIII. Jahrgang. Beilage zu Nr. 19 des Israelit. Z,itung6«achr!chteu und Correfpondeuzen. Deutsch! and. Aus Hessen. Ter Berliner Gorrespoudcnt des „Israelit" har Recht, wenn er der Wahl Böckels keine große Bedeutung beimißr. Rach einem bekannten Worte des Reichskanzlers tmtjicit Lummen gewogen, nicht gezählt werden. Wer diese Methode aus die Wählerschaft Böckels anwendcn will, wird sie bald für „zu leicht" befinden. Als Augenzeuge darf ich behaupten, daß sich mit wenigen Ausnahmen die beiscren Elemente aller M reife dem böckelr'chcn Treiben gegenüber ablehnend verhielten. Tie iui>er;i j.lebs zu ködern, bedarf cs ja nur geringer »runfr, dennoch haben Herr Böckcl und feine Gcnosien keine Mittel unversucht gelassen, dieselbe auf ihre Leite zu bringen. — Welche Anschauungen die liebenswürdigen Hetzreden und — Lcyriftcn Böckels in diesen Schichten zeitigt, läßt am besten folgende Anekdote erkennen, die mir von verschiedenen glaubwürdigen Persönlichkeiten übereinstimmend erzählt wurde! In dem gesegneten GbSdorscr Grunde wollte ein bäuerlicher Wähler seine Llimmc für den Kandidaten derrronfervativen, Herrn IustizratU Grimm, obgcbcn und führte diesen Borsatz auch trotz des Widerspruches feiner politischen Ghchälste aus. Als cs nun bekannt wurde, daß Böckcl gewählt sei, machte die Frau ihrem Manne Borlvürfc, indcnt sic meinte, fie würden nun nichts von dem Vermögen Rothschilds erhalten, da er ja gegen Böckcl gestimmt habe. (In BöckelS „Schriften" ist auf jeder dunen Zeile von den jnd. Millionären, ganz besonders aber von dem Haufe Rothschild die Rede. Air fällt da die Devise der akademischen Urgermanen in Göttingcu zu Anfang der antisemitischen Bewegung cm: „Gin rechter deutscher Mann mag keinen Inden leiden, doch ihr Geld hält' er gern!" In dieser schönen Semen; ruht der Angelpunkt des AnrisemitisniuS.) Auch ich glaube, die Regierung muf; endlich merken, wozu der Anrifcinitismus taugt: Zur Verbreitung anarchischer Ideen. — Taß llcbrigcnS die Getreuen Böckels von der bekaniitcrl Beschaffenheit der Antisemiten nicht abwcichen, hat der Gcmeindekassircr Johannes Wicscnl^ach zu Ricderweimar, Li reis Marburg, bewiesen.! Bald nach Unterzeichnung des antisemitischen Wahlj aufrufcS und Verübung ähnlicher Hcldenthatea ist er wegen Unterschlagung von Gemeinde- und Mündelgeldern in beträchtlicher Höhe flüchtig geworden. Sicherem Vernehmen noch hat ihn jedoch der Arm der heiligen Hcrmandad erreicht und ihn also an dem — nach dem BolkSwitze beabsichtigten „AuSfluge nach Jerusalem, wo er für die Juden Quartier besorgen wollte", gehindert. — Komisch wirkt es sicherlich, zu hören, daß Ltöckcr, der Later des Antisemitismus, sein „Böcklcin" verleugnet hat. Wenige Tage vor der Wahl sprach er in einem Orte seines Wahlbezirkes, der an den .Kreis Marburg angrenzt. Bei dieser Gelegenheit richteten zwei Landleute aus dem letzteren Mreife an den Herrn Hofprediger die Frage, ob fie für Grimm (konservativ) oder für Böckcl stimmen sollten. Herr Ltöckcr bedeutete sie, den erstgenannten .Kandidaten zu wählen. Ucbcrhaupt soll Herr Ltöckcr in den von ihm veranstalteten Wählervcrsammlnngen „die Iudcnfrage" gänzlich unberührt gelassen haben. GS hat sich darum in einigen jüdischen .Kreisen die Befürchtung geltend gemacht, einen so theuren Feind zu verlieren. Man glaubt, er könne sich bei der Wandlungsfähigkeit seines Wesens noch — zum Freund der Semiten bekehren. Wir wollen nicht gleich das Schlimmste befürchten. Herr Ltöckcr muß uns al? Gegner erhalten bleiben, als gelungenste Illustration des Antisemitismus für bessere Jahrzehnte. S. A. Wnrzburg. Am Sonntag den 27. Februar feierte der Gz-Ghaim-Bcrcin dahier, der die Unterstützung von Thora-Bestiffcncu, namentlich der Besucher der hiesigen ra*s~ zum Zweck hat, sein 25jährigcs Stiftungsfest. Ter größte Thcil der hiesigen Mitglieder, darunter mehrere Mitbegründer, vereinigten sich Abends zu einem gemeinsamen Festmahle im Hotel Goldschmidt. Tie Reihe der Redner cröffncte der Vorstand des Vereins, Herr Distr. Rabbiner Bambcrger durch eine gediegene Ansprache, in welcher er ein Bild über Zweck, Stand und Thärigkcit des Vereins gab. Ursprünglich nur die Unterstützung der Talmud-Jünger mit Geld bezweckend, verband er bald damit auch die Bereitstellung von geistigen Mitteln für die Mitglieder in der Gründung einer sehr reichhaltigen Bibliothek. Auch die Unterhaltung des 722 im Haufe des Rabbiners wird aus den Mitteln des Vereins bestritten.