Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-02-17 · Heft 14 (17.2.1887) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 14 (17.2.1887)
Date
1887-02-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449712--25917-2515697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

, ncrinncn des Klosters und erwiderte von Herzen j die freundliche Zuneigung einer Jeden: aber der 3 Gedanke, ein ganzes Leben in dieser Einöde zu I verbringen, erschien ihr entsetzlich, i Das wußte die Gräfin und darum hatte sic \ ihre Intentionen geändert. 1 Leit ungefähr einem Jahre war ihre Tochter - aus dem adeligen Damcnstist, in dem sie ihre Erj j Hebung erhalten hatte, heimgekchrt in das Haus •■J ibrcr Mutter. Die Gräfin liebte ihr einziges Kind | aufrichtig, aber sie war nicht blind für ihre Fehler, ' hatte ein offenes Auge für alle die Ecken und Kan- I ich sowohl in der äußeren Erscheinung als in dem - Wesen ihrer Tochter. ) Eomtesse Valerie hatte da» lebhafte, heißblütige |: I Temperament, das ihre Murrcr in deren Jugend! s gekennzeichnet hatte, von dieser geerbt, aber in ihrer j l äußeren Erscheinung glich sie in geradezu fravpan- > rer Weise ihrem verstorbenen Vater. Graf Walcwski ) Italic als schöner Mann gegolten, aber seine scharf pro-; uocirien Züge nahezu ungcmildcrt in einem Mädchcni cinli? erschienen entschieden unschön. Und zu dem | dieses Ungraziösc, fast Männliche in Haltung und 1 in Bewegung, das in dcur hocharistokralischcn Jnz \ Mur durchaus nicht geschliffen schien. Wenn die! j J'Jränn ihre Tochter mit Marina verglich, zog sich jj J ihr das Herz zusammen. Daß sie nicht so blendend!j. j iä'öu war wie die liebreizende Klostcrschülcrin, das! ) konnte sie ihr freilich nicht als Fehler aureckncn, i j doch Anmuth und Grazie könne eine Jede sich an-! f eignen, behauptete sie. '| Aus Rücksicht für ihre Tochter hatte sie ihrer I bisherigen Zurückgezogenheit entsagen zu münen j | geglaubt, hatte sich der s. g. Welt zngcwandt, aber ij! j ihre Hornung hiedurch das Wesen ihrer Tochter ■! | Zu ändern erwies sich als irrig. 3 _ Ta riech ihr ihr Beichtvater, Pater Ansclmo, } ne möge ihr anmuthiges Pathenlind der ungraziö- H keu Tochter als Gespielin zngescllen, vielleicht daß jj i ':c urnvillkürlich sich den Liebreiz derselben aneignen j! ’;5!£frl)e: Dalcrie lachte; der bochwürdige Herr habe Lthnsucht nach der schönen Rlarina, behauptete sie.!! H „C, Du gottloses Kind!" tadelte die Mutter. -Rein, ich bin nicht gottlos!" rief daS junge!j 4 7'lädcheu lachend und dabei das „ich" in seltsamer j!;j Weise betonend. j I »Genug, genug liebes Kind! sage mir nur, I Tu einverstanden bist, daß Marina zu uns wäre es Dir unangenehm, so würde ich;j I ^^htcn, daß Tu ihr unfreundlich begegnen würdest, i | und dem will ich sic nicht ausscrzen."! | »Lei unbesorgt, Mama," erwiderte Valerie, | w es trotz ihrer oft rücksichtslosen Ansdrucksweisc nicht an Gutherzigkeit mangelte, „ich werde Deinem Liebling nicht zu nahe ttetcn, und wünsche sogar um Deinetwillen, daß ihre viclgerühmte Anmuth inich anstecken möge." Lo kam Marina in ihrem achtzehnten Lebensjahre in das Hans ihrer Pathin, das sie bisher nur bei besonderen Gelegenheiten auf Stunden besucht halte. Valerie kam ihr mit gewinnender Herzlichkeit entgegen und wiederholte ihr, was sie durch die Gräfin bereits wußte. „Ja, wenn Du mir Tein reizendes Lärvchen geben könntest und Deine schönen blonden Haare, da hättest Du Deine Mission rasch erfüllt." „Lie scherzen, Eomtesse," erwiderte Marina lächelnd, „Ihr Haar ist ungleich schöner als meines, nur Ihre Frisur kleidet Lie nicht. Wenn Sie erlauben, ordne ich Ihr Haar in gefälligerer Weise." „Glaubst Tu wirklich, daß das nützen wird?" „Wenn Sic erlauben, mache ich sofort den Versuch." „Run, wenn Du willst, ich bin bereit: aber Tu darfst mich nicht reißen, sonst werde ich wild." Lachend warf sie sich in einen niederen Scffel, denn Marina war ungleich kleiner als die hühnenhafrc Eomteffc. Mit ihren schlanken, gewandten Fingern nestelte sie die in Wirklichkeit schönen Haare, die bisher in hochgestecktem Lockenbau die Gräfin noch größer erscheinen ließen, als sie war, aus und schlang einen griechischen Knoten daraus. Valerie Nannte, als nach wenigen Minuten diese einfache Frisur vollendet war, die sic, wie sie sich auSdrückte, weit weniger ungeschlacht machte. „Ader die Hauptsache bringst Du doch nicht zu Stande," lachte Valerie. Ein freundschaftliches Einvernehmen zwischen den beiden jungen Mädchen war hiedurch sofort erzielt. Marina erbat cs sich als Gunst, die Toilette der Eomleffe nach eigener Wahl gestalten zu dürfen und diese Gunst ward ihr gern gewährt, ohne daß sie dadurch zur Kammerjungscr dcgradirt worden wäre. Ein zwangloser, freundlicher Ton herrschte zwischen Leiden, obgleich Valerie nie vergaß, daß sie die hochgeborene Eomtcffe, und Marina sich stets erinnerte, daß sic nur das arme Pathenlind der reichen Gräfin war. Tie äußere Erscheinung der Eomtcffe ward in der Thal schon nach sehr kurzer Zeit ungleich gefälliger als ehedem; aber Anmuch und Liebreiz hätte ihr trotzdem nicht zugcsprochen werden können. Daß ihr scharfer Blick sie jedoch nicht getäuscht, daß sie die Motive des priesterlichcn Rarhes sofort durchschaut, das konnte selbst chre Mutter nicht mehr in Abrede stellen, obgleich das unbefangene.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.