Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-02-14 · Heft 13 (14.2.1887) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 13 (14.2.1887)
Date
1887-02-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449711--25902-2515681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

xxvm. Jahrgang. Beilage zu Nr. 13 des Israelit. Leitender Artikel. Die Bekämpfung der jüd. Armulk. Ein Wort zur Beherzigung von N. O. I. Es war zu allen Zeiten bedauerlich, arni zu sein und einen Theil der nothwendigen Lebensbedürfnisse von der Gnade seiner Mitmenschen zu erhoffen und zu empfangen. In nuferer Zeit ist cs doppelt schwer, wo selbst das bescheidenste Leben so vielfache Ansprüche stellt, die, auch nur halbwegs zu befriedigen nicht immer in der Macht des Bedürftigen liegt. Es ist daher unablässig das Bestreben des Menschenfreundes, den Armen fördernd zur Leite zu stehen, und auch wir möchten mit diesen Zeilen ein Lchcrflcin beitragen zu dem Werke der Armen-Unterstützung, indem wir eine Seite des Armcn-Wcscns beleuchten, welche bisher, trotz aller so löblichen Bestrebungen auf diesem Gebiete, wenig oder gar keine Beachtung gefunden. Tic im Allgemeinen übliche Art der Armcn-Nnterstüxung ist bekannt. Ticsclbe beginnt mit dem Almosen, das man in seinem Hause dem dürftigen Bittsteller darrcicht und findet ihre Fortscvung und ihr Ziel in allgemeinerem Massstabe in den Hülfs- und Unterstützungs-Vereinen und Armenkassen. Ausserdem, und das ist wohl einer der edelsten Zweige der Armenpflege, finden sich iumrer noch hie und da einzelne Wohlthäter, welche die Stätten der Noth Persönlich aufsuchcn und hülsreiÄc Hand leisten. — Aber diese sämmtlichen, gewiss sehr anzncrkcnnendcn Bestrebungen, wenn dafür überhaupt eine Anerkennung zu zollen ist, für Thaten, welche uns die Pflicht dikrircn muß — reichen bei Weitem nicht aus. die Armuth wirklich zu bekämpfen, denn selbst die systematisch erfolgende Austhcilung von Almosen. die fördernde Unterstützung für längere Zeit und auch die liebevolle Berücksichtigung besonderer Fälle können dem Mangel nicht dauernd Vorbeugen,- weil sic die Quellen nicht verstopfen, aus denen die Noth immer erneut ihren Einzug hält m den Kreis der Armen. — Wenn wir uns nun eine Anregung zu geben erlauben, wie es zu bewerkstelligen sei, daß wir Menschen mit unfern tchwachcn Kräften wirklich Einiges zur möglichst dauernden Beseitigung der Nothstäude beitragen rönnen, so schicken wir voraus, daß gerade diejenigen Fälle, welche oft selbst die Edelsten der Edeln als nicht dringend und als minderer Berücksichtigung wcrth erachten, wo mau selbst aus überreichen Kassen oft nur mit Widerstreben die Pfennige darreicht, zweifelnd ob man damit ein wirklich gutes Werk thue, — daß gerade diese Fälle in unserer heutigen Abhandlung uns vornehmlich beschäftigen sollen. Gern und freudig unterstützt man die verschämte Armuth den zurückgckommenen Bruder,- die Kranken und Schwachen, aber den kräftigen jüngeren Menschen, der vielleicht sechs bis acht Kinder, der eine darbende Frau zu Hause hat, dem es au der Wiege schon vorgcsungen wurde, von Haus zu Haus zu betteln und der es so weiter treibt, gezwungen von der Noth, geleitet von der Gewohnheit — für den hat man selten ein freundliches Wort, einen guten Nath übrig und wer für Familien solche Art wohlthätigc Spenden sammeln wollte, könnte dies mcistcnsalls nur unter Verschweigung der bctr. Namen ausführen. „Diese Leute gehen ja doch in jedes Haus", „arbeiten sollen fie, arbeiten, um ihre Familie zu ernähren", so ruft man aus.' Und damit wären wir an dem Zwecke unserer Zeilen angckommen. Arbeiten sollen und müssen sic, ganz gewiss, aber was? Bei diesem Punkte muß die private und besonders die Dereins-Wohlthätigkcit beginnen, wenn sie die Nothlage erfolgreich bekämpfen will. Man lasse es angelegentlichste Sorge sein, diesen Armen lohnende Arbeit jeglicher Art uachzuweisen, man gewöhne diese Jrregehendcu an ein regelmäßiges Schaffen, erziehe dieses heruntergekommene Proletariat zu. dem Segen systematischer Arbeit und zur Freude daran, kurz man schaffe bei uns einen jüdischen Arbeiter- und Handwerkerstand, wo Mann und Frau von ihrer Hände Arbeit leben, wo eine gesunde Thätigkcit die Nerven stählt und den Geist anrcgt, damit statt einer entmuthigcudcn Bckümmerniß in die Wohnstätten dieser Armen ein zufriedener, fröhlicher Sinn cinziche, wie ihn nur die fortgesetzte, lohnende Thätigkcit hervorbringt. — Es ist zuversichtlich M erwarten, dass die Armen einem solchen Beginnen, das sich mit Liebe ihrer annimmt, nicht abweisend begegnen und daß sie, wenn mit Sorgfalt die richtigen Mittel und Wege wählt, schnell die erste Scheu überwunden haben, die vielleicht mancher von ihnen vor dieser „Staatshülfe" empfindet, sie werden bald diese wahrhaften Hülfsvereine als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.