Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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SlWw'W „Weib!" schrie er, „wo ist mein Kind? - ich will mein Kind! — mein Kind!" — „Hilfe! Hilfe!" schrie die Elende, »er will mich morden!" „Mein Kind!" schrie Lob, sie noch immer schüttelnd, „gib mir mein Kind! — oder bei Gott! ich würge Dich! —" Er packte sie in der Thal an der Kehle, der Letter eilte ihr zur Hilfe uuv suchte sie den Händen des Verzweifelnden zu entreißen. „Mache keine Dummheiten, Lob, Tein Geschrei bringt Dir Dein Kind nicht zurück, cS ist im Kloster." Wie vom Blitzstrahl getroffen brach der Unglückliche zusammen und wand sich in den heftigsten Konvulsionen am Boden. Ter Letter blickte mitleidig zu ihm nieder. „Warum haben Sie nur keinen Wink gegeben, dast er cs nicht weiß, da wäre ich doch nicht so geradezu mit der Thür in'» Hans gefallen." Perl, mit vor Wntb cinstclltcm Antlitz, zitternd an allen Gliedern, zupfte bald hier, bald dort an ihren .Kleidern, als gälte cs vor Allem, die derangirte Toilette wieder in Ordnung zu bringen. „Ter niederträchtige Heuchler, der! liegt auf der faulen Haut und stellt sich lahm und lägt fein Weib sich für ihn plagen und sich schinden. — Aber wenn er von seinem Fratzen hört, da ist er gut auf den Beinen." „Helfen Sie mir ihn auf das Bett legen," sagte Herr Meier, „und achten Sic nur auf ihn, dast er zu Keinem davon spricht. Noch ist cs nicht bekannt, außer mir weiß cs Keiner, weder in der Gemeinde, noch in der Stadt, und ich werde schweigen; Sic wiffen unter welchen Bedingungen. Aber, wenn er auch nur ein Wort davon gegen irgend Jemand spricht, so ist die ganze Erbschaft zuui Teufel." Perl murmelte einige unverständliche Worte, während sie der Aufforderung entsprechend, den Bewußtlosen in möglichst unsanfter Weise an den Füßen packle und ihn mit Hilfe des Leiters, der vorsichtig den Oberkörper umfaßt hielt, auf das Bett legte. „Achten Sie auf ihn," wiederholte Herr Meier, „am besten. Sie lassen in den nächsten Togen keinen Menschen zu ihm. Sagen Sie, der Tocror habe cs verboten, well er Fieder hat. Nächste Woche, wenn er hoffentlich ruhiger geworden fein wird, werde ich wieder einmal Herkommen, um dieselbe o«t wie heute. Gute Stacht!" Perl erwiderte den Gruß des sich Entfernenden nicht, sie hatte ihn vielleicht nicht einmal ver¬ 203 nommen. In wilder Verzweiflung rang sie die Hände. „Wer das gedacht hätte! — wer das gedacht hätte! — 50,000 Dollar! — Aber er wird nicht schweigen, der verfluchte Starr! — und wenn es noch zehn Mal so viel wäre auch nicht. — So wie er die Augen aufmacht, wird er wieder schreien nach seinem Fratzen — ja, er und schweigen! — Aller Welt wird er's zuschreien und das Geld! — 50,000 Dollar! — 50,000 Dollar! —" Sic rang die Hände und zerraufte sich daS Haar, während ihr Gatte noch immer mit geschloncncn Augen und zähneklappernd wie im Fieberfrost, auf dem Bette lag. Er würde nicht schweigen, dessen war sie sicher, auf die Erbschaft war keine Hoffnung mehr. — Und der Lärm, den er schlagen würde! — Tie ganze Genicinde würde er ihr auf den Hals hetzen — sollte sie das abwarten? — Sie besaß noch Geld, nahezu dreihundert Gulden, die der Geistliche ihr für das Kind gegeben — mochte er sehen, wie er allein fertig werde — mit einem boshaften Grinsen gegen den Leidenden spie sic nach ihm; dann raffte sie eiligst ihr Geld und ihre besseren Habscligkeiten in ein Bündel zusammen, schlang ein großes Wolltuch um Kopf und Schultern und ohne den Zurückblcibcndcn weiter eines Blickes zu würdigen, verließ sie das Haus. Als am folgenden Morgen zwei Mädchen in das Lcrkaufsgcwölbe traten, staunten sie, sämmtliche Schubkasten anfgcriffen zu finde», viele geleert. Als sie vergebens auf Frau Perl gewartet hatten, begaben sic sich, nichts Gutes ahnend, in das Zimmer. Ern Schrei entfuhr beider Munde, als sie die Verwirrung dort gewahrten. Mehrere Sessel lagen umgcsuttzt, Kleidungsstücke und Hausgeräthe zerstreut am Fußboden. Und auf dem Bctte wälzte sich, vollständig angeklcidet, aber in glühender Fieberhitze, der Inwohner des Stübchens, wilde unzufamurcuhängende Worte umrmelnd. Auf das Geschrei der entsetzten Mädchen war die Nachbarschaft rasch zusammengelaufen, man durchsuchte das ganze Häuschen, Frau Teitelbaum war nirgends zu finden. Thcilnchmende Frauen nahmen sich des Kranken an, riefen den Arzt und sorgten für geeignete Pflege. Und dem Arzt und dem Wärter ward es bald klar, daß hier weder ein Mord, noch ein Einbruch vorlag. wie die Nachbarn anfangs vermuthet hatten. Unablässig rief der Kranke nach feinem fernen Kinde mit den süßesten Schmeichelwonen, und dann flehte er zu seinem Weibe, — das er vor sich zu sehen wähnte, in den herzzerreißendsten Worten, 'sie möge sein Kind ans dem Kloster holen, möge es ihm zu-