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Der Israelit · 1887-02-07 · Heft 11 (7.2.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 11 (7.2.1887)
Date
1887-02-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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»Ah! Er ist da," sprach der Bürgermeister endlich, als wenn er aus seinen Träumereien erwachend ihn erst jetzt bemerken würde. »Ich habe etwa« mit Ihm zu besprechen. Er ist ein kluger, mir treu ergebener Mann, mit dem man offen und vernünftig sprechen kann." Mostrich, der seine Augen stets zu Boden senkte, blickte überrascht auf. Eine solche Sprache war er von seinem Ehes, der seine Untergebenen mit Härle und-verletzender Gcringachtung behandelte, nicht gewohnt. In ähnlicher Weise hatte Golzingcr nur einziges Mal in seinem Leben mit ihm gesprochen. Damals haue er seiner bedurft. Es gehörte kein übermäßiger Scharfsinn dazu, zu erkennen, daß er sich heute in ähnlicher Lage wie damals befinde. Mostrich senkte seinen Blick wieder zu Boden und preßte unwillkürlich seine geschlossenen Lippen noch fester übereinander; als könne er cS dadurch verhindern, daß ein unbedachtes Wort über diese schlüpfe. Er wollte seinem Ehes nicht cntgcgenkommen, ihm die Minhcilung, die ihm schwer zu fallen schien, nicht erleichtern. »Mostrich", fuhr der Bürgermeister nach einer länger» Pause fort, und die Worte stoffen langsam und schwerfällig über seine Lippen, und er vermochte es nicht hierbei den Kerkermeister anzusehen, »ich bin Ihm immer ein gütiger Ehes gewesen, Hab' ihn nie übermäßig sclkirt .... nicht wahr?" Mostrich blieb die Antwort schuldig, er schien offenbar nicht gleicher Meinung. »ES ist sogar einmal der Fall vorgckonimcn", setzte der Bürgermeister wieder fort, »daß ich Ihn ein schönes Stück Geld verdienen ließ. Es wird das etwa eine Geschichte von zwölf, dreizehn Jahren her sein .... ich habe für Tinge, die mir eigentlich, glcichgiltig waren, kein Gedächtnis: da bat Er aus meiner Hand ein ganz anständiges Sümmchen erhalten. ... Ich glaube, es waren hundert Gulden. ..." »Ich erinnere mich dieses Vorfalles noch ganz * genau, als wenn cS heute geschehen wäre. Euer Gestrengen", antwortete der Kerkermeister. »ES find dies nicht, wie Euer Gestrengen irtthümlich glauben, zwölf, dreizehn, sondern siebzehn Jahre. Euer Gestrengen beliebten damals noch ein junger, recht nböner Mann zu fein, der, wie man behauptete, bei Mädchen nnd Frauen viel Glück hatte." . »Laß Er, lieber Mostrich das alberne alte WerbergeNürfche von damals, und solche unziemliche «Pöiic, die gar nicht zur Sache gehören, bei Seite," lvrach der Bürgermeister mir einem milden Lächeln und einer Sanftheit dcS ToneS, deren der iicifcr» meister seinen Ehes gar Glicht für fähig gehalten hätte; aber dieser setzte, ohne die Unterbrechung der geringsten Beachtung zu würdigen, fort: »Euer Gestrengen harten damals die hohe Gnade mir ein Douceur, nicht wie hochdiesclben irrtümlich Zusagen beliebten, von ein-, sondern von zwei» hundert Gulden zu spendircn. Es war damals die arme Eva Brümlcrin, ein bildschönes, neunzehnjähriges Mädchen unter der Anklage ihr — ich meine der Brümlcrin eignes — einjährige Kind getödtet zu haben, in Untersuchungshaft genommen worden. Euer Gestrengen hatten das arme elternlose Mädchen stets liebevoll behandelt und gnädigst unterstützt, und das arme Wesen hatte sich Ihnen erbarmt. Eva Brümlcrin hätte zum Tode verurteilt werden müssen. Glaubwürdige Zeugen hatten sie bei der Tödtung ihres einjährigen Kindes überrascht. Sie ließen mich am späten Abend zu sich befehlen und sagten mir: Als Richter müßten Sic nach dem klaren Wortlaute des Gesetzes, das Mädchen zum Tode vcrurthcilcn, das aber gehe anderseits gegen Ihr Gewissen als Mensch und Ehrist, und in dieser Pslichtcnlollision — Sie sehen Euer Gestrengen, ich habe mir siebzehn Jahre das mir unbekannte Fremdwort gemerkt — hätte Ihnen der liebe Herr Gott den glücklichen Gedanken eingegcbcn, das Mädchen aus der Untersuchungshaft entfliehen zu lassen. Ich habe," fuhr Mostrich nach einer Pause fort, während welcher der Bürgermeister mit großer Emsigkeit den auf dem Tisch verstreuten Rauchtabak sammelte nnd in den ledernen Beutel warf, »damals um Ihnen gefällig zu sein, meine Pflicht verletzt, meinen Diensteid gebrochen, bin ein Meineidiger geworden .... auch habe ich daS Einzige, was ich armer Mensch besaß, meine Stelle anss Spiel gesetzt. Wie sich Euer Gestrengen noch zu erinnern belieben werden, har der Herr Appcllationspräsideut auS Brünn eine Untcrsuchüngskommissiou hcrauSgcschickt und ich wurde in strenge Hast genommen. Es hat mich große Mühe gekostet, daß ich mich glücklich herausgelogcn, und nach vielem Schrecken und großer Angst auf freien Fuß gesetzt und in meiner Stelle belassen zu werden. . . . Und die Gewissensbisse, die mich von damals bis auf den heutigen Tag gefoltert! Heute würde ich diese Gcwissenspem und die schwere Verantwortung nicht für einen soff geringen Betrag auf mich laden. Und was hat Euer Gestreng« christliche Milde gegen die Verbrecher« genützt? Nicht das Allergeringste! Sie ist hinüber inS Preußische entwischt; aber arm und verlassen wie. sie war — gar soweit war hochdero Mllde gegen die arme Gefallene doch nicht gegangen, ihr ein kleines Kapitälchen milzugcben, damit sie sich ander-

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