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Der Israelit · 1887-01-13 · Heft 4 (13.1.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 4 (13.1.1887)
Date
1887-01-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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59 er sicht, wie schön ich ungezogen bin; er freut sich immer, wenn ich zu ihm komme.- „Dem Vater möchtest Du Dich in den schönen Kleidern zeigen,- wiederholte die Kammerfrau zögernd. „(Ss rhut mir leid, liebes Kind, aber vorhin als Du noch schliefst, bin ich zu Deinem Vater gegangen und habe ihn gefragt, ob Du zu ihm kommen sollst. Er hat aber gesagt, er möchte Dich wohl gern sehen, aber er fürchtet, Deine Mutter werde Dich wieder so schlagen, wie neulich. Darum möchtest Du lieber, so lange er krank ist. bei nnS bleiben. Wenn er wieder gesund ist, wird er selbst kommen und Dich holen." Lie Kleine liest das Köpfchen hängen. „Darf ich nur in den Hof gehen und durch das Fenster gucken? da kann ich gerade auf den Vater sehen, wenn er im Bette liegt." „Jch glaube nicht, liebes Kind, das; das Deinem Vater recht wäre. Deine Mutter könnte Dich sehen und könnte hinauskommen und Dich schlagen." Tie Kleine athmctc schwer auf. „Ich möchte so gern den Vater sehen,- flüsterte sie. „Du bist ein gutes Kind und wir wollen hoffen, dah Tein Vater bald wieder gesund wird. Er hat uiir gesagt, ich soll Dich von ihm grüßen und Du möchtest sehr brav sein und Alles thun, was wir Dir sagen und dann würde er sich sehr freuen und vor Freude bald gesund werden. Aber nun komme zu der gnädigen Gräfin: sie wird schon auf uns wartcn.- Gchorsam entsprach das Kind der Aufforderung, und Beide begaben sich in daS Boudoir der Gräfin, die noch beim Frühstück sich befand; mehr noch als gestern staunte sic über die ungewöhnliche Schönheit des Kindes. „Guten Morgen, liebe Kleine," sprach sie freundlich, „hast Du gut geschlafen?" „Ja,- erwiderte dos Kind schüchtern, dann aber der Worte der .Kammerfrau sich erinnernd, griff sie nach der Hand der freundlichen Dame und zog dieselbe an ihr rosiges Möndchen. „Ich danke Ihnen für die schönen Kleider, die Sic mir geschenkt haben, und ich will Sie sehr lieb habcn." „Licd willst Du mich haben? das freut mich. Tu bist ein liebes, herziges Kindchen. Hast Du schon gcfrühstückt?" Die Kleine schüttelte verneinend das Köpfchen. „Nicht? aber da ist es ja höchste Zeit, Du wirst Hunger haben. Bertram,- wendete sie sich an die Kammerfrau, „heben Sie das kleine Mädchen aus einen Scffcl und geben Sie ihr eine Taffe Ehokoladc und eiuen Zwieback. Und dann bringen Sie auch die Milch für die Mizzi." Tie Kammerfrau rhat, wie ihr befohlen, und die Kleine entsprach der ihr gewordenen Aufforderung und liest sich das ungewohnte Frühstück trefflich munden. Die Gräfin hatte ihre Freude darau; sic unterhielt sich freundlich mit dem schönen Kinde und staunte über die gescheitsten Antworte« desselben. Als aber die Kammerfrau mit der Milch erschien und dieselbe wie gewöhnlich in vergoldeter Schüssel der Kaye reichte, da war die Reihe deS Staunens wiederum an dem Kinde und vor Staunen vergab sie, der Gräfin zu antworten.- - „Ist das eine wirkliche Katze?- fragte sie schüchtern, „die trinkt ja gerade so wie ein Mensch. Darf ich ihr zu trinken geben?" fragte sie schon etwas muthigcr. Tie Gräfin nickte ihr freundlich zu, und gewandt liest sich die Kleine von dem Sessel herunter gleiten und trat zu der Kaye, mit beiden Händen nahm sie die Schüssel und hielt sie vorsichtig dem Thiere hin. „Sic trinkt auch von mir," sagte sie vergnügt „und sie guckt mich so an." „Well Du ein gutes Kind bist. Mizzi hat die braven Kinder lieb." „Versteht sie das wirklich?" fragte die Kleiue verwundert. Die Gräfin war von dem Liebreiz des Kindes so entzückt, daß sie ihren Plan änderte und statt, wie sie beabsichtigt halte, cs durch die Kammerfrau in das Kloster zu schicken, entschloß sie sich, cs selbst dorthin zu führen und persönlich bei der Taufe zu fungiren. Nachdem sie ihre Toilette beendet hatte, liest sic cinspannen und fuhr mit dem kleinen Mädchen zu dem am Ende der Stadt gelegenen.Kloster. Die Priorin desselben war bereits verständigt, denn die Gräfin wünschte, den Taufakt mit einer gewissen Feierlichkeit vollziehen zu lassen. Als der Wagen hielt, nahm sic das Kind an die Hand und betrat mit ihm den Hof des düsteren Gebäudes. Mit einer - gewissen Aengstlichkeit schmiegte sich die Kleine an ihre Führcrin, die ihr freundlich zuredete. Im Kloster empfing sie die Priorin, der die Gräfin die kleine Eonvertitin vorstellte. Sie war sehr freundlich und überschwänglich höflich und versichette, das Kind, das dem Kloster zur Erziehung übergeben werden sollte, wie ihren Augapfel zu hüten. Daun geleitete sie die Angckommeuen durch einen langen Eorridor, wo die Klosterschwesteru bereits versamnielt waren und die Eintretenden mtt einem sanften, feierlichen Gesang begrüßten. Tic Kleine wußte nicht, wo sie sich befand: neugierig blickte sie nach allen Seiten. „Wie schön-" flüsterte sie, als die Orgel mit harmonisch mächtigen Tönen den Gesang unterbrach. „St!" flüsterte die Gräfin und schritt langsam mit ihr dem Altäre zu. Die Orgel verstummte.

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