Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1887)
- Date
- 1887-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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43 so blühend, so anmuthig. so fing, sein liebend Darcrherz entzückend, die Freude, das Glück seines Lebens, die Hoffnung seiner Zukunft geworden war, ward er ihm mit unerwarteter Plötzlichkeit entrissen. — AlS ihm seine Frau, seine erste Lara, mit einem herrlichen Töchtcrchen, mit Sara, beschenkte, da hatte er wieder froh aufgcathmet, sich glücklich gefühlt, rmd inmitten dieser Seligkeit, hatte ihn wieder ein Tonncrfchlag zu Boden geschmettert, hatte er sein ewig unvergeßliches Weib verloren. Gr war vor einigen Jahren als gesunder, kräftiger Mann zu Bette gegangen, war in der Nacht von Wcllenrauschcu geweckt worden; — und hatte bei seinem RcttnngSwerkc einen Fuß verloren, war für immer ein Krüppel geworden' Wenn ihm jetzt der unerforschlichc Gott eine neue Prüfung aufcrlcgcn, ihm ein neues Leid zuschickcn wollte, war ihm noch so viel Kraft geblieben , eine solche ohne auch geistig - zusammenzubrcchen, ohne seine Gottgläubigkeit, sein höchstes Gut zu verlieren, zu ertragen? Sara und Michael waren des Nachts unterwegs. Schon der Talmud spricht cs aus: «Alle Wege sind gefährlich." Wie leicht konnte Einem von ihnen ein Unfall begegnen, und jeder Unfall des Einen, traf gleichzeitig auch den Zweiten. Wenn ihm plötzlich die Nachricht würde, er habe Sara, er habe Michael, er habe Beide verloren! — Das wäre doch mehr als ein Mcuschenherz, eine Mcnschcnscclc zu ertragen vermocht hätte! — Jetzt erschien es ihm möglich, daß die Beiden auf ihrer nächtlichen Wanderung Baron Horncck begegnen konnten. Tiefer war in Posewiv, konnte durch irgend ein Borkonnnniß. etwa um einer dienstlichen Pflicht willen in der Nacht nach W. zurückkchrcn, er konnte mit Michael Ltrcit beginnen, oder sich in seiner wilden Leidenschaftlichkeit zu einer Handlung oder einem Worte gegen Lara hinrcißen lassen, daS Michaels gerechten Zorn erwecken, furchtbare Folgen haben konnte .... Schon im zweiten Momenle erschien ihm diese Möglichkeit als eine Wahrscheinlichkeit, bald als unzweifelhafte Gewißheit__ Gr bemühte sich selbst, seine Besorgnisse zu widerlegen. Ter lüdcrliche. genußsüchtige Mensch Horncck würde gewiß den -Freudenbecher bis zur Neige leeren, der hochmüthigc Emporkömmling, der um jeden Preis feine bürgerliche Herkunft vergessen machen wollte, berge sich am liebsten inmitten der Sprorren taufend und halbtausendjähriger Namen, und würde gewiß den Fcstsaal nicht vor dem.grauenden Morgen verlassen; und Sara befand sich ja schon um Mitternacht unter dem schützenden Dache des bewährten Freundes. Aber auch dle besten Gründe wollten diesmal nicht verfangen, das dunkle intuitive Gefühl ließ sich heute nicht von dem hellen klaren Verstände bewältigen. Unter solchen peinlichen Gedanken waren Brack uichrere Stunden vergangen, zufällig blickte er jetzt auf die Uhr, eS war schon spät nach Mitternacht. Gr wußte eS, er würde den Schlaf, auch wenn er ihn auf seiner Lagerstätte suchen wollte, nicht finden, er beschloß wachend die Rückkehr seines PflegcsohncS zu erwarten. „Wenn er im jirze hafchcm bcscholom') zurückkommt und mir von Sara gute Nachrichten bringt, werde ich dann um so besser schlafen," sprach er halb laut zu sich selbst. Gr setzte sich an den Tisch, an dem er gewöhnlich die ersten Stunden der Nacht mit religiösen Studien zu verbringen pflegte. Gr griff* nach der Bibel, um den Abschnitt der beginnenden Woche mir den Gommcntatorcn zu lesen. Das, was er las, bestärkte ihn in seiner cigcnthümlichen Gemüthsstimmung. GS war die Sidra Wajcschew-), welche von dem Erzvater und seinen Söhnen erzählt: Wie er zuerst seinen Lieblingssohn Josef verloren und todt geglaubt, — und vermochte sicy so icoyusr -tu die Lage des zu Tode betrübten Vaters zu versetzen. daß er — obwohl er diese Bibclerzählung schon endlos oft gelesen, sie im Urtexte wortgetreu aus dem Gedächtnisse zu wiederholen vermochte, — doch sie erst jetzt vollkommen aufzufaffen glaubte, und so ergriffen war, daß er, der geistig starke Mann, in Thräncn ausbrach. Allein, das Wort deS königlichen SängerS: Lule Toroßcho fchaschuoi, os owadti beonji') bewährte sich auch diesmal: Brack vertiefte sich in die verschiedenen Bibelkomentatorcn. Plötzlich übcrkam ihn eine wundersame Beruhigung, der Erzvater Jakob erlebte ja endlich auch Freuden an seinen Kindern, „gewiß, gewiß, eS wird auch mir so ergehen!" rief er unwillkürlich aus. Jetzt schlug cs von der Thurmuhr des Städtchens, zwei. Um diese Zeit konnte Michael, wenn er sich in Ncuhof nicht aufhielt und rasch zuschritt, schon zurnckgekehrt sein. Ader jetzt in seiner gottverttauenden Stimmung beunruhigte er sich deshalb nicht: „Rüben Weiß." dachte er. „wird ihn aufgefordcrt haben, eine kurze Zeit bei ihm zu ruhen, ein Glas Wein zu trinken" .... freilich, Michael hatte versprochen sofort zurückzu- 1) So Crott will in Frieden. L) Der neunte Lochenabschnit im ersten Buche Moses. 3) L?äre Trine Lehre nicht mein Trost, ich wäre nntergegangrn in meinem blende. Psalmen bap. 119, Bert 92.