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Der Israelit · 1886-12-30 · Heft 102 (30.12.1886) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 102 (30.12.1886)
Date
1886-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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M io& XXVII. Jahrgan«. Ein Kentrat - Grgan für das orthodoxe Iudenthum. Herausgegebeu von vr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den SV. Dezember 5647 <1886). urit dem 1. Jan. 1887 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten " Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitende Artikel. „Hieforinjüdischer" Aanalismus. Berlin, 26. Dezember. Die Welt faselt so oft von einem angeblichen „Fanatismus" der „Orthodoxen", mit welchem Lieblingsnamen man den strenggläubigen, gesctzestrcucn Neberrest in Israel zu bezeichnen pflegt, der sich ans dem Sturme und Drange eincr entarLetLU Zeit gerettet, und doch urißdeutet die Welt so oft die Begriffe des Fanatismus und der Orthodoxie. Was verbrechen denn jene bösen orthodoxen Fanatikers Der orthodoxe Rabbiner verzichtet auf die fette Pfründe, weil ihm sein Glaube verbietet, unter rcligkonsgesehlich verbotener Musikbegleittuig zum Himmel sein Flehen emporzuscndcn. Der orthodoxe jüdische Kaufmann schließt Sabbats seinen Laden, und schaut frohen Muthes zu, wi: der neidische Nachbar ihm seinen Gewinn schmälert. Der orthodoxe jüdische Schüler schreibt an Festtagen nicht und nimmt gern den Hohn der Schüler, die Zurücksetzung des Lehrers dafür hin. Hat man jemals vernommen, daß das unentwegte Festhalten an Lehre und Gesetz und die Erfüllung zahlloser Pflichten die Wohlhabenheit erhöht, die Bequemlichkeit gefördert? Daß die gcsctzesixtut Schaar mit Erbitterung erfüllt werden muß und in heiligster Erregung kampfgerüstet das köstlichste Gut, die Lehre, vertheidigt, wenn sie sicht, wie diese Lehre geschändet wird, wenn sie sieht, wie die kahle Eintagsweisheit sich an das Ewige und Göttliche wagt, wenn sie sieht, wie ein Zweig nach dem andern von der vieltausendjährigen Glanbenseiche fällt, — kann das Wunder nehmen? Und diesen eifervollen Kampf für die häuslichen Altäre, für das gemeinsame Wohl nennt die Welt Fanatismus? Ja, die Abtrünnigen mögen jene innerste Erregung nicht begreifen: tobte, abgestorbene Glieder können sich nicht regen. Es gibt aber auch noch eine andere Art von Fanatismus, und das ist jene Berfolgungssucht, die den Andersdenkenden um jeden Preis vernichten will, die meuchlings ihre gistgetränktcn Pfeile auf den Gegner absendet und die kein, wenn auch noch so niedriges Mittel scheut, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Bon einem Stücklein dieses Fanatismus haben wir heute den Lesern eine Geschichte zu erzählen, von einem Stücklekn, wie cs G. s. D. nur wenige Vorbilder in der Geschichte unseres Volkes hat, von einem Stückleiu, das; man weinen, bitter weinen möchte. Doch wir wollen nicht vorgreiscil. Am vergangenen Mittwoch brachte die demokratische „B o l k s - Z e i t n u g" unter der Ueberschrist „Zur p r a k ti sch e n L ö sn n g d e r Ju d en s c a g e" einen Leitartikel, der an cymschcr Frivolität selbst die stolzesten Leistungen der inlernationalcu Rasscnhetzer weit in den Schatten stellte. Nachdem der Antisemitismus eine Krankheit genannt wird, heißt es wörtlich, wie folgt: „ÜKan beseitigt eine Krankheit durch Beseitigung ihrer Ursachen, und die Ursache des Antisemitismus ist der Neid, insbesondere der Neid aus die geschäftlichen Erfolge der Juden. Tie letzteren geben ihrerseits "einen gewissen Anlaß dazu durch idr Verhalten. welches sie in den Augen Vieler als etwas besonderes, etwas den übrigen Deutschen nicht nur religiös, sondern auch national und sozial <?egenüberslehendes erscheinen läßt. Od Jemand über Hott, Offenbarung, Unsterblichkeit ul s. w. diefe oder jene oder auch gar keine Anschauungen hat. kommt in unserer Zeit. n:r die das einst herrschend gewesene religiöse Element gegenüber dem nationalen und sozialen an Bedeutung sehr verloren bar. in gar keinen Betracht — unter denen, die sich trhriften nennen.

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