Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 96 (9.12.1886)
- Date
- 1886-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Kind, und dieser ist seine und seiner Tochter einzige Stütze. Auch hat er ihn zu seinem Schwiegersöhne bestimmt. Das wunderschöne Mädchen liebt ihren Verlobten, allein der fremde, heimathlose Jude kann in Mähren ule die Ehcbewilliguug erlangen." „Das Mädchen ist schön?" unterbrach Lorenz seinen Vater hastig, „freilch, es must hier in W. sehr schöne Judeumädchen geben, ich selbst sah, als ich über den Ring Deinem Hause zuritt, ein solches, in der Begleitung eines Mannes mit einem Stelzfüße in die Judcugape einbiegen. Das war das schönste Weib, das ich je gesehen, vielleicht — nein gewiß, das schönste Weib auf Erden! .... Herr Gott sapperment! sagtest Du nicht soeben, Brack müsse sich eines Stelzfußes bedienen? Vielleicht war das Mädchen Bracks Tochter, Michaels Verlobte? Was meinst Du Vater?" Lorenz legte die Gabel, die er eifrig benutzt hatte, aus der Hand, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und blickte erwartungsvoll in des Vaters Gesicht. „Schildere mir sie, ob ich mich in meiner Vcrmnrhuug nicht irre." „Das Mädchen ist", erwiderte Golzingcr, „trotzdem sie erst sechszehn, siebzehn Jahre zahlt, hochgewachsen, eine junonische Gestalt, die jedem Maler und Bildhauer zum unerreichbaren Modelle dienen könnte. Das Haar ist dunkelschwarz, die großen schönen schwarzen Augen, glänzender als Diamanten, sind von kräftigen dunkeln Brauen überwölbt, das ovale edelgesormte Gesicht, gewöhnlich lilienbleich, wird, sobald der.Blick eines Maunes ans ihm ruht, von einem reizenden Noscnroth übergossen. Sie besitzt anmuthige Grübchen in den Wangen, ein Möndchen wie eine frisch gepflückte Kirsche, das, wenn es sich öffnet, zwei Reihen Perlenzähne zeigt, ein abgerundetes Kinn. ..." - „Sie wars, sie wars!" schrie Lorenz, rasch ein Glas Wein hinabstürzend, „sie entspricht ganz Deiner Schilderung. .... Die beste Rache an Michael wäre, wenn ich ihm feine Braut abwendig machen, wenn ich sie verführen könnte!" „Das wird Dir und Niemandem gelingen!" entgegnctc der Bürgermeister. „Die Judeumädchen sind im Allgemeinen tugendhaft, das muß ihnen der ärgste Judenfeind zugestehen, und Sara Brack ist völlig unnahbar; — das kannst Du nur glauben." „Hast Du vielleicht den Versuch gemacht. Dich ihr zu nähern und sie ließ Dich abblitzeu?! .... Unser Regimenrsarzr, den wir Cfmicre, weil er sich uns zuweilen nützlich macht, trotzdem er ein Bürgerlicher ist. in unseren Kreisen dulden, dürr oft ein gutes lateinisches Sprichwort, das ich urir übersetzen ließ. es scheint trefflich auf diesen Fall zu passen. Es lautet im Deutschen: Wenn zwei das Gleiche thun, so ist es doch immer nicht das Gleiche" und dabei drehte er mit einem impertinenten, snfsisanten Lächeln die Spitzen seines langen slachsgelbcn Schnurrbarts empor. Die Bürgermeisterin hatte schon, seitdem das Gespräch zwischen Vater und Sohn eine so bedenkliche Wendung genommen, Zeichen der Mißbilligung und des aufstcigcnden Verdrusses gegeben, jetzt aber riß der Faden ihrer Geduld und Langmuth. Sie warf die Gabel, die sie in ihrer zitternden Hand hielt, so heftig auf den Porzcllanteller des kostbaren Services, das nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt wurde, daß ein Stück des Randes abbrach und zeterte: „Rein! jetzt aber Hab' ich das saubere Gespräch schon satt! Hat man je in einem ordentlichen christlichen Hanse gehört, daß ein Sohn so mit seinem Vater spricht!? Und Du" — wandte sie sich zornbebend au ihren Gatten, „pfui der Schande, daß ich das in Gegenwart meines Kindes aussprechen muß, — Du alter grauer Sünder, der Du schon achtundzwanzig Jahre mit einer braven, rechtschaffenen Frau verheiratbet bist, und einen großen Bengel von Sohn hast, schämst Tu Dich nicht, ein Judenmädel, das Dich, wie Du selbst sagst, nicht anspuckt" — (die Frau Bürgermeisterin spuckte dabei selbst kräftig vor ihrem Gatten auf dem kostbaren Teppiche ans, und ließ cs unentschieden, ob sie diese Action nur plastisch zu verdeutlichen beabsichtige oder selbstständig vor ihrem Eheherrn ansspucke) — „genau zu schildern, als wenn Du einen Steckbrief hinter ihr zu schreiben hättest? Was hast Du alter Narr und . . . die Bürgermeisterin verschluckte ein Wort, das daher leider nicht auf die Nachwelt überkommen ist, „ein schmuckes Mädel so genau anzublicken, als wenn Du sie mit Deinen mausgrauen Augen anffreffen wolltest? Schämst Tu Dich nicht vor Deinem eigenen Sohn, der Dir leider ganz nachgeräth?" „Das sind höchst gemeine bürgerliche Anschauungen" sprach Lorenz, als die Frau Bürgermeisterin einen Augenblick um Athem zu 'chövfcn iune hielt. „Wir Adeligen sind, wie auch in allen andern Sachen auch hierin viel vernünftiger, aufgeklärter und praktischer als Ihr Bürgerlichen. Als ich in Wien tu Garnison lag, gab es dort einen Generalen, etwa in Deinem Alter, Papa, der gleichzeitig mit seinem Sohne um die Gunst einer Schauspielerin warb. Die beiden klugen, taktvollen Männer, die sich in Geschenken üöerdielcn wollten, haben sich schließlich dahin geeinigt. . . .