Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 95 (6.12.1886)
- Date
- 1886-12-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1045 Wichaer. Erzählung von S. Lohn, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Die Frauen sind im Allgemeinen zartfühlender als die Männer; trotz ihrer leidenschaftlichen Liebe für Lorenz, mißfiel der Bürgermeisterin doch sein Benehmen, das einen hohen Grad von Herzlosigkeit verricth, welche sie an dem heuchlerischen Burschen so lauge er im Baterhause von seinen Gl lern abhängig war, nie erkannt halte. Golziuger aber rief entzückt : „Ist aber unser junger Baron ein Prachtkerl voll Witz und Geist! Auf den können wir stolz sein, was Alte?" Lorenz ließ der Mutter keine Zeit zur Antwort und sprach in einem Tone, der zu seiner Eltern unangenehmster Ueberraschung gar nicht scherzhaft klang. „Freilich könnt Ihr auf einen solchen Sohn, wie ich es bin, stolz sein. Als Ihr Beide, erzbürgerliche Leute, Euch ehelich zusammemhatet, da konntet Ihr allerdings nicht ahnen, das; dieser Verbindung ein Sohn entstammen würde, zu dem Ihr mit Achtung emporblicken müßt!" Golziuger blickte in der That, wenn auch nicht wie sein Lohn vorausgesetzt mir Achtung, so doch mit Erstaunen zu ihm auf. Einen Augenblick regle sich ein Gefühl Liefen Bedauerns in seiner Seele, den undankbaren Sohn zu einer Höhe gehoben zu haben, die ihn nichrswürdig hochmitthig gemacht; aber ein Batcrherz ist ein unergründliches, unerklärliches Ding, er zwang sich gegen seine richtige . Ueberzengnng, zu glauben, Lorenz scherze und fuhr, auf den scheinbaren Scherz eingehend cordial fort: „Also: commode gemacht und zu Tische gegangen! Da wollen wir scheu, ob Du während Deiner Dienstzeit Deinen gesunden Avperit und das Verständnis für einen guten Tropfen verloren hast I" Lorenz legte nun die Waffen und den llniformrock ab, warf sich ungeschlacht in den Grostvarcrstudl, der, wie er wohl wußte, als Sitz für feinen Barer bestimmt war, daß jener in allen Fugen krachte. Der Mutter, einer alten ehrbaren Bürgcrfamilie entstammend, war schon in ihrer eigenen frühesten Äugend die höchste Ehrfurcht vor den Eltern eingeprägt worden, und sie sprach slirnrunzclnd: „Aber Lorenz Du wirst Dich ja nicht auf des Vaters Stuhl setzen!?" „Laß ihn, laß ihn!" fiel ihr Golziuger, der einen Streit gleich in der ersten Stunde vermeiden wollte, rasch in's Wort: „Du sichst ja, der arme Junge ist todtmüde und dann," Golziuger zwang sich zu einem Lächeln, das aber nicht vorn Herzen kam, „Lorenz ist ja unser Gast und einem Gaste muß man Ehre erweisen." „Und dann," ergänzte Lorenz mit einer Miene, die es sehr zweifelhaft erscheinen ließ, ob er auf den Scherz cingehe oder ernsthaft spreche, „müssen Bürgerliche einem Adeligen, namentlich einem Mitgliede des hohen Adels — dieser beginnt mit dem Baron — Ehre erweisen." Frau Golziuger war schon im Begriffe, ernstlich über ihren Sohn böse zu werden, als, zum Glück für den gefährdeten Haus- und Familienfrieden, die Köchin die dampfenden Schüsseln auftrug, und Frau Golziuger die Pflicht der Hausfrau übend, die Suppe vcrtheilen mußte. Lorenz siel gierig über diese her und leisiete auch, als nach und nach die andern Gerichte: Fleisch, Gemüse, Eingemachtes, Braten (dazu Eompor und Salat), Torten, Mehlspeisen, Pudding und Dessert auf den Tisch kamen, ganz Außerordentliches, so das; seine Eltern die beruhigende Ueberzengnng gewannen, seine frühere großartige Eßsähigkeit habe während seiner Abwesenheit vom Hause nicht die geringste Einbußeerlitten, im Gegentheil eine achtunggebietende Steigerung erfahren. Zuerst gab sich Lorenz dem Speisegcnuffe mir solchem Eifer hin, daß ein Gespräch gär nicht in Gang kommen konnte, aber bei dein Braten, fuhr er plötzlich aus feiner schweigsame» Thäligkeit auf und rief ganz unvermittelt: „Sag' mir 'mal Vater, was ist's denn mit dem clsäßischen Judenburfchen mit dem verfl. Michael Klein. Der befand sich ja auch unter dem gaffenden Pöbeltroß, als unser Regiment einmar-. schirre. Der Hallunke siel mir zuerst. in's Auge. ÄÄ Hab' ihn sofort wieder erkannt. Wenn ich nicht ein völlig vorurtheilsloscr Mensch wäre — ich glaube weder au.Gott noch den Teufel — würde ich diese Begegnung für ein böses Linen halten." „Pfui, pfui, wer wird denn solche gottlose Reden führen," ries Frau Golziuger empört, „was ist aus Dir beim Militär geworden!? Ich habe