Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 93 (29.11.1886)
- Date
- 1886-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVII. Jahrgang. Krilllgr jil |li\ 93 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Wissenschaftliches aus dem Nabbiuer- Seminar. V. Ucber die jüdischen Aerzte im^Ttittelalter. Von Dr. I s a k M ü n z, Berlin 1887. Verlag von M. Driesner. 72 S. Preis Ai. 1,50. BI. Jeder Kenner der Vergangenheit unseres Volkes weiß, was der jüdische Geist für die Verbreitung und Erhaltung der Wissenschaften im Mittelalter gewirkt und geschaffen hat. Kein Gebiet der Willenschaft aber hat die Träger jenes (Geistes mehr zu ernstem Streben angeregt und sie mehr zu ruhmgekröntcn Erfolgen zu führen vermocht, als die Heilkunde. Es ist ein tiefergrcifcudes Zcngniß mm der selbstlosen Hingebung jener dem Dienste der leidenden Menschheit Geweihten, wie es die Geschichte der jüdischen Aerzte uns mit erschütternder Wahrhaftigkeit eutgegeubringt, cs klingt wie eine Sage aus märchenumftossencn Fernen, wenn die Geschichte den Beweis dafür antritt, daß Jahrhunderte hindurch die jüdischen Aerzte, nmftürmt von einer unduldsamen Welt, gleichwohl als die einzigen Jünger Aeskulaps diese unduldsame Welt vom Untergänge gerettet. Und, so seltsam es auch erscheinen mag, dennoch ist es wahr, daß gerade die Geschichte der jüdischen Aerzte von streng wiffenschaftlicher Seite eine überaus stiefmütterliche Behandlung erfahren har. Die Leistungen auf deni Gebiete der'Medizin, schreibt Steinschneider, der trefflichste Kenner der medizinischen Literatur des Mittelalters, gehören zu jenen Erscheinungen der Eultur- und Literaturgeschichte, die überall als bekannt vorausgesext, aber nirgends speziell untersucht sind. Allerdings finden sich in denWcrken neuerer Gelehrter, eines Kaiscrling,Gräy,Wüsrenfcld, Güdemaun, Wolf, Horowik, Berliner u. a. interenante und thcitweise erschöpfende Beiträge zu jener Geschichte, doch gelten diese nur den jüdischen Aerzte» bestimmter Völker, Länder und Städte: einer Gesämmldarstellung jener gewaltigen Erscheinung ist bis zur Stunde noch nicht geschrieben worden und dürfte auch nicht sobald geschrieben werden: eine diesbezügliche vor 2 Jahren von der Wiener Universität gestellte Preisaufgabe blieb ohne Lösung. Auch diese vorliegende Arbeit will durchaus nicht diese Lösung für sich in Anspruch ' nehmen, gleich wohl müssen wir dem Verf. dankbar sein, daß er es versucht hat, die mehr oder minder bekannten, weithin zerstreuten Daten und Notizen zu einem Gesammtbilde zu vereinen und alles Wissenswcrthe in recht gefälliger Form uns darzubieten. Die vorliegende Schrift, offenbar ein Produkt redlichen Fleißes, ist, wir möchten sagen, ein populärwissenschaftliches Feuilleton. Wir wollen nicht hartherzig das Secirmcsser strengwiffenschastlkcher Kritik an die Arbeit legen, und die Arbeit scheint es auch gar nicht zu wünschen. Sie will uns nicht durch ein Raketenfeuerwcrk gelehrter Anmerkungen einhüllen und langweilen, nicht durch neue Entdeckungen oder „Erfindungen" spannen und abspannen, sondern in zwar schlichter, doch anziehender Rede uns bunte Bilder aus der Geschichte der jüdischen Aerzte vorführen, aus dcul Nahmen dieser Bilder die leuchtenden Gestalten hervortreten lassen, und uns mit stolzer Begeisterung für jene Tröster und Helfer der Leidenden erfüllen. Dieser Plan ist dein Lerf. durchweg geglückt. In drei Theile zergliedert sich die Schrift. Zuerst wird an einzelnen Beispielen die gewaltige praktische itnb schriftstellerische Thätigkeit, welche die Juden auf dem Gebiete der Heilkunde, im Morgen- und im Abendlande während des Mittelalters entwickelt haben, geschildert. Der Verf. führt uns zuerst nach dem Orient, wo unter den beglückenden Strahlen des Halbmondes das Studium der Medizin eine eifrige Pflege fand und in einem Jsak bcn Suleiman cl Israeli, einem Dunasch den Täuian, einem Afranim, Mose b. Zadaka, R. Nathaniel, nnd endlich in de;n Leibarzte Saladins, in Maimondcs, seine herrlichsten Blüthen trieb. Aus dem Oriente werden wir auf Lnspanieus Flur geleitet, und Jona ibn Gannach erönnet den stattlichen Neigen berühmter Aerzte, die dort jahrhundertelang ihre Hcilkunst übten, bis der Spruch Ferdinands sie zwang, den mit Blut und Thränen gedüngten Boden zu verlaffen. Ausführlich behandelt der Verfasser in einem lehrreichen Kapitel die jüdischen Aerzte in Deutschland von dem bekannten Leibarzt Karls des Kahlen, Zcdekias, bis zu den liebenswürdigen Vertreterinnen der ärztlichen Gilde, von denen die „Judcuärzl:n„ Sara in Würzburg sich einer ausgedehnten Praris erfreuen durfte. Eine noch glänzendere Reihe jüdischer Aerzte finden wir in Frankreich, in der Türkei, in Polen nnd