Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 92 (25.11.1886)
- Date
- 1886-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449686--25392-2515225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXVU.Iahrgang. Zeitu»gs«achrichte» nnd Correfpou-en.zen. Deutschland. Berlin, 21. November. Das Hauptgcspräch der letzten Tage bildete in weiten Kreisen nicht etwa, wie Sie vielleichtanzunehmcn geneigt wären, der — Dadian von Mingrelien oder der Spremberger Aufruhrpro.zeß oder des österreichischen Premierministers kriegerische Rede oder die Anuuüirnng der IubiläumskunstausstelluugsloLterle, nein, weit gefehlt, cs ist vielmehr eine — „Privatrniltheilnug" der „Allg. Zeitung des Iu d enth ums", welche sich in tiefe Trauer gehüllt, weit die Freisinnigen an Ludwig Lowe's Stelle weder für den Landtag noch für. den Reichstag einen jüdischen Kandidaten aufgestellt hätten. Unglaublich erscheint es, aber trotzdem bleibt es wahr, daß diese harmlose Notiz, die durchaus nicht veranlagt war, irgend Jemandes Gemüth schmerzvoll zu bewegen, gleichwohl in ihren Konsequenzen eine tiefgehende Erregung weithin wachgerufen hat, die keineswegs selbst heute noch geschwunden ist. Die vom Abgeordneten Engen Richter redigirte „Fr c i s i n »i g e Z e i t u » g" hätte nämlich nichts Dringenderes zu thnn, als diesen Vorwurf, welchen der „Rabbinerredakreur" in seinem „confessionellen Eifer" (!) erhoben, in einem längeren Entrcfilet einem größeren Publikum zu unterbreiten und in scharfen Worten zurückzuweisen, die Antisemitenblätter druckten den Artikel des „Oberrabbmers der Freis. Zeitung" gegen seine-College» mit Behagen ad, und Herr Stöcker, der Mann der Wahrheit, constatirte bereits in seiner letzten Hetzrede: „Es ist schon ein großer Erfolg, daß inan cs nicht mehr gewagt hat, einen Juden aufzustellen, und dieses Vorgehen der freisinnigen Parteileitung habe m jüdischen Kreisen böses Blut gemacht, wie der Artikel der „Allg. Zeitung des Iudcnrhnms" beweise." Zum Ueberfluß griff das „Deutsche Reichsblatt" in ihrem „freisinnigen Eifer" in schärfster Weise die „nur für Israeliten geschriebenen Blätter an, welche die deutschfreisinnige Partei bei ihren Glaubensgcnonrn als antisemitisch zu denunzircn suchten", die Confessio» spiele absolut bei der Wahl keine Rolle, der Fähigste werde gewählt, und die Panel .suche nicht gerade nach eurem Israeliten, das jüdische Bekenn tu iß fei für den Kandidaten zwar kein Mchrheil, aber „durchaus. auch kein Vortheil." Auf den jüdischen Straß mann sei der katholische Stryck gefolgt u. s. w u. s. w. Die „Freisinnige Zeitung" druckt in der gestrigen Sonnabendnuunner wörtlich den Erguß des ^Deutschen Reichsblattes" ab, und heute konnten wir ihn bereits gesperrt in den Spalten der Antisemitenblätter lesen. Zunächst nun müssen wir laut und vernehmlich gegen die beispiellose Insinuation Protest!reu, eine Rots; irgend eines absolut einflußlosen und überaus wenig gelesenen Blattes als die Ansicht der „Rabbiner", des „Indenthnms" hinzuftellen und als solche zu behandeln. Weder die irgendwie maßgebenden Blätter der gesetzestreuen Richtung noch das Organ der Reform haben auch nur mit einer Silbe jener verkehrten Ansicht einen Ansdruck geliehen, und es wäre vielleicht recht ersprießlich gewesen, wenn Herr Engen Richter sich über die Bedeutung und den Einfluß der „Allg. Zeitung des Judenthums" ans die deutschen Inden informin hätte, ehe er ohne Weiteres die absolut unbeachtet gebliebene Bemerkung jenes Blattes an die große Glocke gehängt und so den Feinden neuen Hetzstoff bot. Zwar ist eS überhaupt nicht die Aufgabe der spezifisch jüdischen Blätter, hohe Politik zu treiben, indes; die ernste Wendung dieser Frage zwingt uns nunmehr, .unseren Standpunkt naher zu präcisiren. und da glauben wir allerdings, daß die „Freis. Ztg." sachlich unbedingt'im Rechte ist. Die Religion darf nie und nimmer bei einer politischen Wahl zum. Worte gelangen, dem Fähigsten und Besten gebührt die Bürgerkrone, und speziell bei der Nachfolgerwahl für Ludwig Löwe' ist von keiner, auch nicht von jüdischer Seite ein jüdischer Eandidat in Vorschlag gebracht worden, lind sollte die deutsche Indenheit wirklich keinen anderen Ehrgeiz haben, als einen Glanbensgenoncn im Parlament sitzen zu sehend So lange es uns nicht vergönnt ist. einen Vertreter zu finden, der, seines Bekenntnisses froh, mit dem Feuer der Begeisterung für alle jüdischen Interessen mannhaft in die Schranke zu treten wagt und versteht, so lange können wir den Judenfeinden den Triumph gönnen, Inbellieder anznmmmeu, ob des von Inden entblößten Parlamentes. Tie Gleichheit vor dem Gesetze ist uns garanlirr, und weder die Verleumdung im Priestcrrälare noch der Vcrfolgungswahnsinu ans dem Karheder wird jemals ein Iora von unseren Rechten uns zu rauben vermögen: wozu also