Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 88 (11.11.1886)
- Date
- 1886-11-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ir»;iu l$ c 11 t v a 1 * A f t c u. Bvckhara. Der achtzehnte Ab (!'.». ^Iiu\uft) war Heuer für unsere Mmciiibc ein epochemachender Tag. Bisher gab es nämlich bei unserem (viiiir keinen auswärtigen Vertreter, da die Errichtung von diplomatischen Agenturen unter den Staaten Mittelasiens bisher gänzlich unbekannt war. Nicht einmal Rußland, unser mächtiger Nachbar, hatte in unserer Stadt, trotzdem hier schon seit Jahren eine russische Kolonie crisikrt, einen Vertreter, Konsul oder Agenten. Ter .diplomatische Verkehr zwischen der russischen Negierung und der unserigen wurde bisher stets durch einen dem Genera! - Gouverneur in Taschkend beigegebcueu Beamten des Auswärtigen Amtes in Petersburg besorgt und beschränkte er sich bloS auf den gegenseitigen Austausch von Noten. Vor Kurzem entschloß sich jedoch der Ezar, hier einen Gesandten zu beglaubigen und wurde mit diesem ehrenvollen Posten der kaiserliche Kammerhcrr NieolanS v. Tzarikow betraut. In unserer Gemeinde rief diese (Ernennung eine freudige Stimmung hervor, weil man sich nun der Ansicht hingab, das; unter den Augen eines russischen Gesandten weder die Minister noch die Beamten unseres Emirs cS wagen werden, die Inden noch ferner zu knechten und zu unterdrücken, wie bisher. Gin Telegramm jüdischer Kaufleute in Taschkend an nnsereu Mulen (Größt abbiuer) verständigte denselben, das; der ucucrnanute russische Gesandte am d. M. d. h. August hier einlrcsfen werde. Tiefes Telegramm traf am Montag 2>2 nren hier ein und sogleich berief der Mulen unseren Vorstand, dann die Vorsteher der verschiedenen Synagoge» und Lehrhäuser zu einer Berarhung zusammen und legte ihnen die Frage vor, ob die Indeugcmeinde BockharaS sich als solche an dem Empfange des Herrn v. Tzarikow berheiligcn solle. Es' wurde jedoch einstimmig beschlossen, sich an dem Empfange nicht zu betheiligen, um nicht den Argwohn des Emirs zu erregen, und dann wollte inan auch nicht, das; unsere fanatische Bevölkerung sage, die Inden drängen sich mir Gewalt an den Vertreter des Ezarcn hinan. Donnerstag, den in. Ängnst. hielt nun Herr v. Tzarikow, dem ein starkes Vianet ~ppir >roralen als Leibgarde bergegeben war. seinen Einzug in unsere Stadt. Beim Bad-Samarkand (Thor vom Samarkandl wurde derselbe vom Naib Gouverneur der Stadü und dem Sbereomtuandanten der hiesigen Garnison, die Beide mir groster Begleirnug erschienen waren, aufs ehrfurchtsvollsie begrüßt. Von diesen beiden Würdenträgern, die gleichfalls beritlen waren, begleitet, ritt nun Herr v. Tzarikorv mit seinem t^csandtschastspersonale durch die engen und dunklen Straßen unserer Stadt nach dem für ihn genriethcteu Hause, das man in aller Eile ul't europäischen Möbeln garnirt und sogar auch mit Glasfenstern versehen hatte. Die Fenster hatte der tviuir eigens ans Taschkend kommen lassen, da dieses nübliche Hanscinrichtnngsstnck hier fast noch unbekannt ist und auch im Palaste unseres Fürsten blos hölzerne Gitterfenster anzutressen find. Gleich nach seiner Ankunft in feiner Behausung empfing Herr v. Tzarikow den Besuch unseres Divan Beg (Großvcziers) Mohamed Khan, der^ihn nun im Namen des Emirs willkommen hieß, selbstverständlich war auch der Großvezier zu Pferde erschienen und harte er seinen Weg über den Suk El- Batich (Melonenmarkt) genommen. Hier scheute jedoch sein Pferd und drohte bat Reiter ans die Erde zu sehen. Da sprang schnell ein jüdischer Melonenhändler herbei, ergriff das sich bamnende Pferd am Zügel und führte dasselbe eine strecke Wegs fort. Der Großvezicr reichte hierauf feinem Netter die Hand mid dankte ihm für seine kühne Thar. Am Sonntage darauf, welcher Tag hier kein Feiertag ist, erschiat der Großvezier in voller Parade abermals bei Herrn v. Tzarikow, um denselben nun zn unserem Emir Abdul-Ahad zu führen, dem der Gesandte sein Beglaubigungsschreiben überreichte. Am Abend darauf empfing der Gesandte die hiesige russische Eolonie, unter der sich auch zwei jüdische Kauftente ans Samarkand befanden. Am andern Tag begann dann Herr v. Tzarikow mit der Besichtigung unserer Stadt und kam er dabei auch auf den allen Scideumarkt, dessen Läden sich ausschließlich in den Händen jüdischer Seidenhändler befinden. Gr wurde hier von den anwesenden Kansleutcn aufs freundlichste begrüßt und zum Besuche einiger der Verkausslädcn eingeladen. Der hohe Gast drückte hier fein Erstaunen aus über die vortrefflichen Leistungen unserer jüdischen Seidensabriken und machte er auch einige nicht unbedeulcnde Einkäufe. Unsere Sradt zählt jetzt über liooo jüdische Seidenweber, die sich fast durchwegs anständig ernähren. Mehrere dieser Scidenweber sind auch berühmte Ehachamim «Rabbiner) und kalten sie sedr sicißig ralmudische Vorträge in den Borhe-Midraschirn. Auch die ^zwei Brüder unseres Mulen tGrostrabdiners» sind scidenweber und einer derselben ist der Hoflieferant des Emirs. Derselbe braucht daher keinen Strick, das Erkerrnnngszcichen der Inden hier, nur seinen Leib zu tragen. (Siebe Schluß in der zweiten Beilage.)