Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 81-82 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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zuerst die zweite Frage, „das Mädchen, das gras; und schön geworden, daß Ihr Euch sianntn werdet, pflegt und. tröstet den Luter, als wäre sie eine erwachsene Jungfrau. Das Mädchen wird einst unseren Jmmohvs -) gleichen. Und nun, da Ihr das Aergsie luifjf, und Euch als froninier, kluger Manu gefaßt erweist, will ich Euch den Hergang ansführlich erzählen. Unsere Judenstadt Liegt, wie Euch bekannt, an der Hanna. Das tückische Flüßchen ist nun Plötzlich ausgetreten und hat mit großer Schnelligkeit die Judenstadt überschwemmt. Ihr kennt ja Reb Aron Brack, den wackeren Mann, der, wo es zu helfen, der Erste ist. Er war cs auch, der zuerst das verdächtige Rauschen hörte, und die Schlafenden mit Donnerstimme ans dem Schlafe weckte. Nur seiner großen Umsicht ist cs zu danken, daß dem verheerenden Elemente kein Menschenleben zum Opfer fiel. Unsere Synagoge liegt, wie dies die Vorschrift ist, tief2 3 4) und das Wasser stand, bevor man cs bemerkt hatte, ziemlich hoch in derselben. Neb Aron Brack drang in leichtem Nachtgcwande durch dieses bis zum Oron Hakodesch^), hotte die Sifre Thoros5) ans demselben und brachte sie in die höher liegende Poolißec), wo sie ihm der Schammes aus den Händen nahm und in Sicherheit brachte. Als das letzte geborgen war, wollte Neb Aron die Stufen, die ans dem Gotteshanse in die Vorhalle führen, hinaufstcigen. Er war oou der übergroßen Körperarbeit ermattet, die unter Wasser stehenden Stufen waren schlüpfcrig und er siel so unglücklich, daß er den rcchtt» Fuß brach. Pater Willibald, Euer ehemaliger Lehrer, der in seiner Menschenfreundlichkeit den hart bedrängten Bewohnern der Judenstadt zu Hilfe eilte und me Ihr ebenfalls wißt, etwas chirurgische Kenntnige besitzt, legte ihm den ersten Verband an, aber erklärte, daß er den Fuß verlieren, daß man ihn amputiren muffe, weil sonst zu befürchten wäre, daß der Brand dazutrete. Ter Pfarrer wollte diese Operation nicht dem Arzte unseres Städtchens anvertrauen, und er holte selbst in einem Wagen den Primar-Arzt aus dem Brünner Hospitale." „Wie benahm sich mein Pflegevater bei der Operation, wo befand sich Sara, das unglückliche Kind, während derselben?" srug Michael. 2) Erzmüttern. 3) Anlehnend an den Bibelvers: Aus den Tiefen ruf ich empor;u?ir, sollen die Bernänen riefer gelegen sein. ÄnderftitS aber sollen sie sedoch auch io hoch sein, daß sie von keinem, einem Juden gehörigen Hause überragt werden sollen. 4) Heilige Lade, Tabernakel. 5} Thorarollen. 6) Vorhalle. „Vater uiib Tochter benahmen sich geradezu bewnudernswerth.- Sara war nicht zu bewegen, sich von bem Bette ihres Vaters zu entfernen, das kluge Kind, man könnte wohl-eben so richtig sagen, das seelenstarke Weib, hielt während der schmerzlichen Operation Ü,> s Vaters .Rechte in der ihrigen; und sprach ihm Mnth und Trost zu. Ich war anwesend, und dieses Begebniß wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Die elfjährige Sara zwang sich ein wehmüthiges Lächeln festznhalten, und doch vermochte sie es nicht zu verhindern, daß ihr die Thrünen über die bleichen Wangen wollten, lind zuweilen ein schwerer Seufzer ihren Busen hob . . . „Was that, was sprach mein Pflegevater, vor. während und nach dieser schweren Stunde?" „Wemr's möglich wäre, ihn noch mehr zu verehren als ich's bisher gcthan, ich hätte es tu dieser Stunde gelernt, llm neun Uhr Morgens Härte die Operation vorgenommen werden sollen; und Neb A''on Brack betete zuvor inbrünstig wie immer im Tal s 7). — Er tröstete Sara und sprach mit einem L. cheln: Er habe den Fuß von Gott empfangen i .d ihn durch cinundfünfzig Jahre benutzt, jetzt müsse, er ihn wieder znrückerstatten: cs sei dies kein sogroßes Unglück, er kenne selbst mehrere Invaliden, die in der Schlacht einen Fuß verloren und noch lange rüstig und lustig auf einem Stelzfüße herumhumpelren. Bevor der Arzt anlangtc, bat cv, mit mir kurze Zeit allein sein zu dürfen, und als sich Sara und die anderen Anwesenden m's Nebenzimmer begeben hatten, winkte er mir, näher zu treten und sprach halblaut: ,;NebAsricl, wenn mir bei der Operation, was ja immerhin möglich wäre, etwas Menschliches zustoßen sollte, so überbringt meinem Pflegesohn meine besten Grüße und Segenswünsche, und sagt ihm, daß ich ruhig gestorben bin, weil ich weiß, daß er mein Kind nicht verlaffen wird, und" — Reb Aron mußte, einen Moment tief erschüttert, innehalten, „dann ries er Sara an sein Bett und segnete sie. Unmittelbar daraus erschien der Brunner Ehirurg in Begleitung des würdigen Pfarrers. Nachdem die Operation glücklich beendet war, erklärte jener, noch nie einen Patienten gesehen zu haben, welcher einer so schweren Operation so ruhig entgegenblickte, sich bei dieser mit so bewundernswerther Ruhe und Ergebung benommen. Er hatte nicht den leisesten Schrei ausgestoßen, seine Mienen verzerrten sich 7) Eedennaurel von Dolle, an dessen vier Ecken Schaufäden befestig: find und welchen die jüdischen Männer bei ihrern Eebete anlegen.