Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 77-78 (28.9.1886)
- Date
- 1886-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVII. M 77 & 78. Ein - Hrgan für das orthodoxe Judentum. Hcrausgegeberi von ISr. Lehmamr kn Mainz. Dienflag, - en 28. September 5L48 (1886). Da mit dem 1. Och 1886 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement )rriyzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Wegen des hl. Ncujahrfestes erscheint die nächste Nummer (wiederum eine Doppelnummer) Mittwoch den 6. Oktober. Leitende Artikel. ntTis Mainz, 21. September. In der Synagoge zu Mainz herrscht ein urh .tcr Brauch, der sich an das iw der Ueberichrist genannte Wort knüpft. Wann der Vorbeter bei der Wiederholung des Mussass-Gebets am Neujahrsfeste die Worte gesprochen hat: prr in*** nih yw*). ,,Er ist unser Gott, es gibt keinen anderen," so ruft die ganze Gemeinde, einstimmig, begeistert rcx (das ist die Wahrheit!). Und die Wände des Gotteshauses erbeben vor der Stimme der Nufer. — Es ist das ein höchst ergreifender Moment, zumal wenn uran bedenkt, daß in dieser alten, heiligen Gemeinde während der finstern Zeiten des Mittelalters Tausende freudig und gern ihr Leben geopfert haben zur Bethätigung der einzigen Wahrheit, 2-urch die; Gnade Gottes sind die Zeiten milder geworden, j und wir dürfen frei und ungestört unsrem Gotte dienen und die ewige Wahrheit bekennen, die Wahrheit, ist die Grundlage unsrer heiligen Religion; .sie soll der Maßstab sein für all unser Fühlen, Denken und Handeln. Es naht der Tag des Gerichts, an welchem der allmächtige Gott die Menschen prüft wie der Hirt die Heerde. In Seiner Gnade hat der allgütige Gott diesen Tag bestimmt, damit wir Ein- *) Tie in Main; übliche LeZart ist -N-r fü; anderswo lagt man |*N; der Sinn ist derselbe. kehr halten bei uns selbst und uns vorbereiten für den großen Gerichtstag. Wir müssen uns fragen, ob unsre Neigungen, unsre Gedanken und unsre Thaten mit dem Maßstabe der Wahrheit gemessen werden können. Was die Wahrheit ist, erfahren wir aus unsrer heiligen Thora; was sie lehrt, ist Wahrheit; was sie uns zu meiden befiehlt, liegt der Wahrheit fern .: allein, im Getriebe des Alltagslebens werden wir vielfach hinweggedrängt von der ewigen, lautern Quelle der heiligen Gotteslehre. Viele Ursachen und Verhältnisse tragen dazu bei. daß unser geistiges Auge getrübt und unser Erkenntnißvermögen verdunkelt wird. Wie eine Nation aus Einzelwesen zusammengesetzt ist, so ist auch jeder einzelne Mensch ein Theil des großen Ganzen. Das Staatswesen, welches einst auf der Grundlage der Thora ansgebant war, ist zerbrochen; .das heilige Haus, in welchem vorzugsweise die Vorschriften der Thora zur Ausführung gelangten, ist zerstört. Die Söhne und Töchter Israels sind über den ganzen Erdboden zerstreut. Inmitten anderer Völker haberi wir uns angesiedelt und sind — säst feit zwei Jahrtausenden — in Sitten und Gewohnheiten, in Sprache und ttleidmig ihnen ähnlich geworden; ja, noch mehr; seitdem die civilisirren Nationen, in deren Mitte wir leben, uns als Mitmenschen und Staatsbürger anerkannt haben, sind wir echte Söhne und Töchter des Vaterlandes, dem wir durch Geburt und Sprache angeboren, geworden. Wir lieben unser Vaterland, leben und streben für es und sind bereit, es mir nusrem Blute zn vertheidigen, für es zu kämpfen und zu sterben.